Urformen

AusstellungenUrformen

Vom 13. Juni bis 5. Januar 2015

Wo?: Galerie 2
Was?: Ausstellungen
Publikum: Alle Altersklassen
  Eine Ausstellung des Centre Pompidou-Metz und der Unternehmensstiftung Hermès

Die Ausstellung kreist um unsere Faszination für einfache Formen, ob sie nun aus der Frühgeschichte stammen oder zeitgenössisch sind, und illustriert, wie diese konstituierend für die Entstehung der Moderne waren.

Prägend für den Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert war die Wiederentdeckung der reinen Form: Die großen Weltausstellungen wurden beherrscht von einem neuen Formenrepertoire, dessen Einfachheit seine Wirkung auf die Kunstschaffenden nicht verfehlte und das Projekt der Moderne revolutionierte. In der sich formierenden modernen Kunst eröffneten die einfachen Formen den Künstlern neue Möglichkeiten zur Darstellung des Körpers, wie etwa Rodin sie erforschte, und gleichzeitig tauchte mit ihnen die Hypothese einer universellen Formensprache auf.

Die seinerzeit aufkeimenden Debatten in Physik, Mathematik, Phänomenologie, Biologie und Ästhetik hatten auch Auswirkungen auf Mechanik, Industrie, Architektur und die Kunst im Allgemeinen. So blieb Marcel Duchamp bei einem Besuch der Pariser Luftschau mit Constantin Brâncu!i und Fernand Léger wie angewurzelt vor einem Flugzeugpropeller stehen und rief: „Das ist das Ende der Malerei. Wer kann etwas Besseres machen als diese Propeller?“

Bis heute haben diese reduzierten, nicht geometrischen Formen, die sich dynamisch in den Raum einschreiben, nichts von ihrer Faszination verloren. Zeitgenössische Künstler – ob minimalistisch wie Ellsworth Kelly und Richard Serra, spirituell wie Anish Kapoor, metaphysisch wie Tony Smith oder auch poetisch wie Ernesto Neto – lassen sich ebenso in ihren Bann ziehen wie einst die Erfinder der Moderne.

Die Ausstellung nimmt das Vorkommen einfacher Formen in der Welt der Kunst, der Natur und der Werkzeuge aus einer poetisch-sinnlichen Perspektive in den Blick, wobei sich ihr theoretisches Fundament aus einem analytischen Blick auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts ergibt.

Die Ausstellung stellt Verbindungen her zwischen Ereignissen der Wissenschaftsgeschichte und technischen Erfindungen und dem Auftauchen neuer Formen. Sie stellt Themen aus der Welt der Industrie, Mechanik, Mathematik, Physik, Biologie, Phänomenologie oder Archäologie in einen Kontext mit Objekten aus Kunst und Architektur, um diese wiederum mit ihren archaischen Vorfahren und natürlichen Objekten zu konfrontieren.

Die Unternehmensstiftung Hermès (Fondation d’entreprise Hermès*) ist Koproduzent und Förderer der Ausstellung Urformen. Zentral für die Aktivitäten der Unternehmensstiftung ist die Förderung von Know-how in all seinen Formen. Ihr Interesse gilt der Kreativität, die Mensch und Natur entwickeln, um Objekte, Werkzeuge und Werke entstehen zu lassen. Die Stiftung verfügt über ein eigenes Programm, das auf die Zusammenführung von handwerklichen Fertigkeiten, Innovation und kreativem Schaffen abzielt: Ausstellungen und Künstlerresidenzen im Bereich der bildenden Kunst, das Programm New Settings für Bühnenkunst, den Prix Emile Hermès für Designprojekte und Wettbewerbe zum Thema Biodiversität.
Es war Wunsch der Unternehmensstiftung Hermès, die Ausstellung Urformen gemeinsam mit dem Centre Pompidou-Metz zu entwickeln und zu produzieren, um einem breiten Publikum neue Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit dem Objekt in seiner reinsten Form zu gewähren und ihm die kreative Energie deutlich zu machen, die sich durch seine Interaktion mit dem Menschen ergibt.

Logo Fondation d’entreprise Hermès

 

Kuratoren:
Chefkurator:
Jean de Loisy, Präsident des Palais de Tokyo (Paris), Kunstkritiker

Assoziierte Kuratoren:
Sandra Adam-Couralet, freie Kuratorin
Mouna Mekouar, freie Kuratorin

Ausstellungsdesign: Laurence Fontaine

* Die Förderung der Unternehmensstiftung Hermès gilt all jenen, die sich mit Erwerb, Beherrschung, Weitergabe und Erforschung kreativer Fähigkeiten beschäftigen, um die gegenwärtige Welt zu gestalten und die Welt von morgen zu erfinden. Die Aktivitäten der Stiftung kreisen um Know-how in all seinen Formen sowie die Suche nach neuen Ausdrucksformen. Dabei orientiert sie sich entlang zweier sich ergänzender Achsen: Know-how und kreatives Schaffen und Know-how und Weitergabe von Wissen. Die Stiftung verfügt über ein eigenes Programm und unterstützt darüber hinaus weltweit Organisationen und Einrichtungen, die in den verschiedensten Bereichen aktiv sind.
Die Aktivitäten der Unternehmensstiftung Hermès entwickeln sich in all ihrer Vielfalt entlang eines einzigen Leitsatzes: Nos gestes nous créent – Wir sind, was wir tun.

1. VOR DER FORM

Dieses einführende Ensemble stellt keine einfachen Formen dar, sondern ein sie häufig kennzeichnendes Prinzip: die latente Form in der noch ungeordneten Materie. Bewegungen, Umrisse, Gesischter zeichnen sich, wie in ihrer Metamorphose eingefroren, zwar noch undefiniert, aber schon lebendig an den Oberflächen ab. Die in disem Abschnitt versammelten Werke veranschaulichen eine Energie, die die Welt antreibt, ihre Fruchtbarkeit befördert, ihre Entwicklungen beschleunigt. Diese rituellen Objekte, Skulpturen, Fotografien und Zeichnungen sind keine Abbilder der Realität, stellen nicht das Sichtbare dar, sondern imitieren bzw. hinterfragen jene Dynamik, die die Dinge animiert.


2. DER MOND

Die rätselhafte Dynamik, die die Welt antreibt, lässt sich in der so einfachen Form des Mondes veranschaulichen, der seit Anbeginn der Zeit von den Menschen betrachtet wird und aufgrund seiner beständigen Wandlung Ursprung vieler Mythen ist. Der Mond - von Dichtern verehrt, in der Keramik angedeutet, gemalt, beobachtet, fotografiert und endlich vom Menschen betreten - ist die erste einfache Form. Ob nun der metaphorische Mond der Poeten oder der algebraische Mond der Wissenschaftler - er steht für eine unabhängige Metamorphose, in der die Form als Momentaufnahme einer Entwickung, als angehaltene Zeit charakterisiert werden kann.


3. FLIESSEN

Jede Form ist nichts weiter als ein vorübergehender Zustand, übergangsweise stabilisierte Materie. Als sich ausbreitende, expansive Energie ist die Form Ausdruck einer permanenten Aktivität der Elemente Erde, Feuer, Wasser, Luft, eine wahrnehmbare Lebendigkeit, über die der Mönch meditiert, aber auch der Künstler, der in seiner Zeichnung seine Bewegungen, seinen Atem, seinem Rhythmus darauf konzentriert, die Schwingungen des Kosmos zum Ausdruck zu bringen, die er wahrnimmt oder vermutet. Die Annahme eines Gleichklangs zwischen dem Zustand der Dinge, Mensch und Welt ist Ausgangspunkt für viele sprirituelle Traditionen, darunter von orientalischen Philosophien beeinflusste gnostische oder theosophische Bewegungen zu Beginn der Moderne.

4. WER KANN ETWAS BESSERES MACHEN ALS DIESE PROPELLER?

Formen, die ihrer Funktion und ihren ausgeübten Kräften entsprechend konstruiert sind, um ihre Wirkung zu entfalten, und als technische Entwicklungen eine Schönheit erlangen, die sich aus der perfekten Anpassung an die Erfordernisse ergibt. Bereits primitive Instrumente wie ein Bogen oder ein Bumerang besitzen diese Perfektion. Im 19. und 20. Jahrhundert ist es die der Luftfahrttechnik, die die Künstler fasziniert. So zeigt sich Marcel Duchamp 1912 bei seinem Besuch der Pariser Luftfahrtausstellung, des Salon de la Locomotion aérienne, in Begleitung von Constantin Brancusi und Fernand Léger beeindruckt von einem Propeller: „Die Malerei ist am Ende. Wer kann etwas Besseres machen als diese Propeller?“ Die Begeisterung, die einfache Formen auf Künstler des 20. Jahrhunderts ausüben, gründet teilweise in dem Interesse für Linien, die frei von jeder Subjektivität sind und den Eindruck vermitteln, sich an die Erfordernisse ihrer Umgebung anzupassen.


5. ATEM

Atem, Ausdruck des Lebens selbst, verleiht der zeitweiligen Viskosität von Glas eine Form. Der Vorgang des Glasblasens wird aufgrund des Symbolcharakters dieses zerbrechlichen Materials um vitale Bedeutungen erweitert, sobald die beiden fragilen Elemente aufeinandertreffen. Ein Volumen durch Atem schaffen bedeutet, einem Objekt den Inhalt unseres eigenen Körpers einzuhauchen, um ihm sein endgültiges Äußeres zu verleihen. Angesichts der plastischen Eigenschaften des Materials ist das Objekt wie erstarrt zwischen Materiellem und Immateriellem.


6. UMSCHLIESSEN

Beinhalten ist die Angleichung der Form an die Eigenschaften des Inhalts oder eher die Imitation des Gewichts des Materials durch Ausdehnung oder Ausbauchung. Die Form symbolisiert die gegenseitige Bedingung von Leer und Gefüllt; ihre Oberflächenspannung wird bestimmt durch die Art ihres Inhalts und durch die Kräfte, die ihrem Auseinanderfallen entgegenwirken, das ihre Geometrie verändert. Die modernen Umrisse finden in der dynamischen Einfachheit archaischer Formen ein mit industriellen Verfahren vergleichbares Repertoire.


7. AUSSCHNEIDEN

Schneiden ist ein symbolischer Akt, dessen Bedeutung sich in der Qualität der entsprechenden Objekte zeigt: Es sind Werkzeuge und zugleich Sinnbilder mit einer Bedeutung, die mit dem absoluten Charakter der Handlung, die man mit ihnen vollführen kann, zusammenhängt. Die Klinge – und der Schnitt, den sie herbeiführt – steht für die Ur-Entscheidung, die Trennung zwischen Tag und Nacht, zwischen Leben und Tod, zwischen Bestimmt und Unbestimmt, zwischen Intimem und Kosmischem und ist eine einfache Form mit bedeutendem theologischem und politischem Inhalt, der bei der Neuausrichtung der Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg einen klaren Schnitt und die Begründung einer neuen Ästhetik ermöglicht.


8. JENSEITS DER GEOMETRIE

Die Geometrie erkundet die Eigenschaften des Raumes, indem sie die Beziehungen zwischen Punkt, Geraden, Fläche und Volumen in Zahlenform umsetzt. Sie ist ein mathematisches und symbolisches Instrument, um die Organisation der Welt und die Eigenschaften von Dingen darzustellen, zu berechnen und zu begreifen. Seit dem Neolithikum werden komplexe Formen zur Darstellung von Zusammenhängen und Figuren entwickelt, die die Schlüssel zur Schöpfung sein könnten und deren bekanntestes Beispiel die fünf platonischen Körper sind. Wenn Künstler des 20. Jahrhunderts die Geometrie aufgrund ihrer scheinbaren Objektivität als mögliches Tor zu einer neuen, universellen Kunst betrachten, ist hier die euklidische Geometrie gemeint. Die einfachen Formen scheinen einem anderen Register anzugehören und eher in der Dynamik des Realen als der geistigen Immobilität der Konzepte aufgegriffen zu sein. Sie werden durch die geologische Entwicklung, die Entdeckungen der nicht euklidischen Mathematik beeinflusst und bieten uns etwas, das über die traditionelle Geometrie hinausgeht.


9. KRAFTFORMEN

Die durch eine neue Materialphysik beherrschten Kräfte und also die neuen durch die Genialität der Ingenieure entstandenen Möglichkeiten waren auch für die Kunst von großer Bedeutung. Im Gegensatz zur Tradition und zu der für die Architekten so bedeutende Proportionslehre stützt sich die Baukunst fortan auf analytisches Denken; der Eiffelturm ist das Paradebeispiel dafür. Die Verwendung neuer Materialien (Eisen, Stahl, Stahlbeton etc.) ermöglicht nicht nur völlig neuartige kühne Bauwerke und einen sparsamen Einsatz von Materialien und Mitteln, es lassen sich damit auch Spannungs- und Gleichgewichtseffekte erzielen, in denen neue Emotionen zum Ausdruck kommen, von denen sich Künstler inspirieren lassen.


10. MATHEMATISCHE FORMEN

Seit den 1870er-Jahren entwickeln Wissenschaftler mathematische Objekte zu pädagogischen Zwecken und formulieren Funktionen, die unsichtbare Bewegungen und die physikalischen Folgen ihrer Berechnungen aufzeigen. Sie entwickeln damit ein Repertoire unvorhergesehener Formen, die in der Kunst eine plötzliche Befremdung hervorrufen, wie eine vorausgehende Abstraktion der Abstraktion. Das Interesse von Künstlern für die Mathematik besteht seit Langem und hängt mit der Erfindung der Perspektive zusammen. Aber im 20. Jahrhundert stützen die neuen Hypothesen der Mathematiker die Ansätze von Kubisten, Konstruktivisten und Surrealisten. Dieses Interesse an der Darstellung nicht wahrnehmbarer Energien verstärkt sich damals und führt zu neuen einfachen Formen.


11. NATUR, BIOMORPHISMUS

Das Lebendige, die natürlichen Entwicklungszyklen von Pflanzen, ihre Morphogenese, die Gesetze ihrer inneren Einwicklung, das Studium ihrer Vielfalt, ihres Reproduktionszyklus und ihres Sterbens sind seit Aristoteles, aber insbesondere in den letzten zwei Jahrhunderten Forschungsgebiete der Biologie und der (foto-)grafischen Darstellung, die die wesentlichen Stufen auf- oder nachzeichnet. Aber erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts werden die physiologischen Pflanzenfunktionen auf Zell- und Molekularebene entschlüsselt. Künstler lassen sich in der Folge von diesen neuen Formen inspirieren und halten die Umrisse eines Blattes, seine Krümmung, seinen dekorativen oder symbolischen Wert oder das Wachstum einer Frucht ohne jede Darstellungsabsicht fest, nur aus Analogie, um den nun poetisierten Mechanismen, die ihrem Wachstum zugrunde liegen, möglichst nahezukommen.


12. GENERATIVE FORMEN

Fruchtbare Kräfte werden häufig durch Formen symbolisiert, die mit Zeugung assoziiert werden und als heilig gelten. Kosmisches Ei, Lingam, Menhire stehen für Kausalprinzipien, die in vielen Religionen verehrt wurden. Sie stellen reine, perfekte Formen dar, wie das Oval des Eies, aber auch vorübergehende, weil sie ein sich entwickelndes Leben in sich bergen. Seit jeher haben sich Künstler dieser Formen bedient und sie für symbolische Reflexionen genutzt, wenngleich sich das Wissen um die wesentlichen Abläufe von Befruchtung und Embryogenese erst im 19. Jahrhundert hinzugesellte.


13. MENSCHLICHE SILHOUETTEN

Bei den alten Völkern findet man viele Beispiele für die Darstellung menschlicher Körper in einer außergewöhnlichen Schlichtheit. Man denke nur an die kykladischen Köpfe oder die Figuren aus dem prädynastischen Ägypten. Diese Skizzen wurden erst ganz am Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt und übten sogleich eine große Faszination auf westliche Künstler aus. Die kykladischen Figuren beispielsweise wurden von Bildhauern wie Constantin Brancusi oder Alberto Giacometti reproduziert, die an der Verdichtung der stilisierten, dynamischen Formen interessiert waren. Durch die Reduzierung der Darstellung eines Körpers auf das Wesentliche übergeht der Künstler den Aspekt der Identität, um zu einem synthetischen Ausdruck der Lebendigkeit zu gelangen. Silhouetten und Gesichter stellen nicht mehr ein einzelnes Individuum dar, sondern die gesamte Menschheit.


14. TIERISCHE SILHOUETTEN

Diese tierischen Silhouetten beinhalten und synthetisieren den Eindruck einer Schnelligkeit, die mit der vertrauten Form der Darstellung assoziiert wird. Es sind einige gar nicht oder kaum bearbeitete ozeanische Steine, deren zoomorphe Umrisse – in denen ein Vorfahr oder eine Gottheit verehrt wird – Macht und heilige Energie verkörpern. Durch Weglassung erfasst der Künstler das Prinzip dieser Energie, die über das Bild hinausgeht und den Raum einnimmt, bis nur noch die lebhafte, mächtige Wirkung des Lebewesens bleibt. Die einfache oder vereinfachte Form lässt an einen Sprung, an eine Flucht denken und suggeriert eine Bewegung der Silhouetten, die völlig anders wahrgenommenen wird als die Chronofotografie, die Ende des 19. Jahrhunderts durch schnelle Bildfolge eine detaillierte Darstellung des Bewegungsablaufs von Tieren ermöglicht.


15. OBJEKTE VON POETISCHER WIRKUNG

Es gibt einen nicht wahrnehmbaren Moment, in dem die Tilgung einer Form spontan durch den Geist, der sie konfiguriert, ergänzt wird. Es ist jener fragile Moment, in dem ein Stein noch absolut ein Stein ist und doch schon etwas anderes, der Moment, in dem der Materialstatus und der Formstatus parallel existieren wie in den von Charlotte Perriand entdeckten und zusammengetragenen Steinsammlungen, die typisch sind für jene Objekte, die von einem gewöhnlichen Status in den eines Materials „mit poetischer Wirkung“ übergehen, um mit Le Corbusier zu sprechen, d. h. Träger konkreter und metaphorischer Bedeutung sind. Die Erosion, mit der die Natur objets trouvés bearbeitet, vollzieht sich bei abgenutzten Gegenständen durch die grausame Liebkosung des Gebrauchs. Als perfektes Instrument hergestellt, wird es durch wiederholten Gebrauch verändert; durch den Abrieb des Materials entstehen neue Formen. Die Umrisse gewinnen durch die Schwächung, die die Zeit an ihnen bewirkt, an Kraft. Die Form, sprich das beharrliche Einwirken der Zeit auf das emotional gewordene Material und die Spuren jener, die es benutzt haben, scheinen sich im letztlich weniger gewordenen Material abzuzeichnen.


16. DAS GEWICHT DER DINGE

Bestimmte Formen scheinen allein aus dem Zweck des Materials zu resultieren, aus dem sie bestehen, das sich frei in Raum und Zeit bewegt, bis es im Fall erstarrt. Dieser Abschnitt umfasst Formen, die, wie ein Kleid, dessen Faltenwurf der Betrachter anmutig findet, durch die Wirkung der Schwerkraft ein neues Aussehen finden und so zum Ausdruck bringen, welchen Widerstand das Material den physikalischen Gesetzmäßigkeiten entgegenbringt oder sie befolgen.


17. RÄTSEL

Nichts ist verborgen. Die Form zeigt sich in ihrer ganzen Einfachheit. Dennoch, der Betrachter kommt nicht umhin, ein Symbol, ein sorgsam komponiertes Rätsel, ein Enigma hineinzudeuten. Die Facetten dieser Formen scheinen chiffriert, aber die erhabene Stille, die diese stummen Figuren ausstrahlen, lässt sich nicht entschlüsseln. Überrascht von dieser anhaltenden Faszination projizieren wir eine bedeutsame Komplexität in diese Einfachheit, als ob diese Formen aufgrund der Umstände, die ihrer Entstehung vorauszugehen schienen, eine verborgene und für uns wichtige Erkenntnis enthielten, die sich nicht in Worte fassen lässt und die letztlich der Grund ist, weshalb diese Formen eine so große Anziehung auf uns ausüben.

 

  

DIE AUSSTELLUNG SIMPLES GESTES

26. September 2014 bis 1. März 2015
La Grande Place, Kristallmuseum Saint-Louis, Saint-Louis-lès-Bitche


Die in La Grande Place, dem Kristallmuseum Saint-Louis im lothringischen Saint-Louis-lès-Bitche präsentierte Ausstellung Simples gestes ist Fortsetzung und Ergänzung der Ausstellung Urformen im Centre Pompidou-Metz.


„Der Geist bildet die Hand, die Hand bildet den Geist. Die Geste, die nichts erschafft und folgenlos bleibt, bestimmt den Zustand des Bewusstseins. Die Geste, die erschafft, wirkt unentwegt auf das innere Leben. Die Hand reißt den Tastsinn aus seiner aufnehmenden Passivität, sie befähigt ihn zur Erfahrung und zur Tat. Sie lehrt den Menschen, den Raum, das Gewicht, die Dichte und die Zahl in Besitz zu nehmen. Sie erschafft eine nie da gewesene Welt, und alles darin trägt ihr Gepräge. Sie misst sich mit der Materie, die sie verwandelt, mit der Form, die sie umbildet. Sie ist Erzieherin des Menschen und gibt ihm in Raum und Zeit tausendfältige Gestalt.“

Henri Focillon, Lob der Hand (1962)

„Die Ausstellung Simples gestes [Ursprüngliche Gesten] im Museum der 1586 gegründeten Kristallmanufaktur Saint-Louis, die damit die älteste Europas ist, ist konzipiert als Kontrapunkt zu den in der Ausstellung Urformen entwickelten Gedanken. Während Letztere um die Faszination der Objekte selbst kreist, nimmt die Ausstellung in Saint-Louis ihren Entstehungsprozess in den Blick, der sich vollzieht in virtuos ausgeführten filigranen Gesten oder automatisierten Gesten alltäglicher Verrichtungen, durch entfremdete Gesten der Wiederholung oder ausdrucksstarke Gesten menschlichen Miteinanders. Die Werke, die in der künstlerischen Interpretation dieser Register entstanden sind, machen die Handschrift des Körpers sichtbar, jene Schrift, die ebenso zu uns spricht wie sie uns ermöglicht, etwas zu tun. Entlang des Ausstellungsparcours, der sich innerhalb der historischen Sammlungen entwickelt, trifft der Besucher auf skulpturale, fotografische und filmische Arbeiten, mit denen die Künstler die auch in unserem digitalen Zeitalter fortwirkende Bedeutung und Ausdruckskraft unserer Gesten und insbesondere unserer Hände (schließlich bedeutet das auf das lateinische manufactura zurückgehende Wort „Manufaktur“ „handgemacht“) offenbaren.
Von der Abnutzung, die der Kiesel seit Urzeiten durch die Hand des Menschen erfährt (Gabriel Orozco), bis zu den automatisierten Handgriffen unserer täglichen Verrichtungen (Natacha Nisic, Ali Kazma), vom meisterhaften Umgang mit Werkzeugen (Jean-Luc Vilmouth, Guillaume Leblon) bis zum Tanz (Eva Kotatkova, Aneta Grzeszykowska und Émilie Pitoiset), all diese Gesten machen den Homo Faber aus – seien es jene elementaren Bewegungen, die Musik oder Skulptur (Melik Ohanian, Jean-Marie Appriou) werden, oder jene, die über die heute allgegenwärtigen Touchscreens gleiten (Julien Prévieux). Alle tragen sie in sich Anfang und Gegenwart der Menschheit.“

Jean de Loisy


Mit Simples gestes läutet die Unternehmensstiftung Fondation d’entreprise Hermès ein Programm mit wechselnden Ausstellungen in La Grande Place, dem Kristallmuseum Saint-Louis in Saint-Louis-lès-Bitche (Departement Moselle), ein.

Die Fondation d’entreprise Hermès überträgt jeweils einer lothringische Kulturinstitution die Programmgestaltung für drei aufeinanderfolgende große temporäre Ausstellung in La Grande Place. In den Jahren 2014 und 2015 ist das das Centre Pompidou-Metz.

Kuratoren:
Jean de Loisy, Präsident des Palais de Tokyo, Paris
Sandra Adam-Couralet, freie Kuratorin

LA GRANDE PLACE, KRISTALLMUSEUM SAINT-LOUIS
Rue Coëtlosquet
57620 Saint-Louis-lès-Bitche

Die Ausstellung öffnet ihre Pforten für die Öffentlichkeit am 26. September und endet am 1. März 2015. Sie ist täglich außer dienstags von 10 bis 18 Uhr geöffnet (der Eintrittspreis ist in der Eintrittskarte für das Museum inbegriffen, Preise: 6 €, 3 €).

Medienpartner
Partenaires Média