Rebecca Horn. Theater der Metamorphosen

AusstellungenRebecca Horn. Theater der Metamorphosen

Bis 13. Januar 2020

Wo?: Galerie 2
Was?: Ausstellungen
Publikum: Alle Altersklassen

Das Centre Pompidou-Metz und das Museum Tinguely in Basel veranstalten ab Juni 2019 zeitgleich zwei der Künstlerin Rebecca Horn gewidmete Ausstellungen und gewähren damit einander ergänzende Einblicke in das Schaffen einer der außergewöhnlichsten KünstlerInnen ihrer Generation, deren Werk in Teilen noch kaum bekannt ist. Die Schau Theater der Metamorphosen in Metz nimmt den Prozess der Verwandlung mal aus einer animistischen, mal aus einer surrealistischen oder maschinistischen Perspektive in den Blick und rückt die Bedeutung ihrer filmischen Praxis, wahrhafte Bühne ihrer Skulpturen, als Matrix ihres Schaffens in den Fokus. In Basel werden im Rahmen der Ausstellung Körperphantasien frühe performative Arbeiten in Kombination mit späteren kinetischen Skulpturen zu sehen sein, die Entwicklungslinien in Horns Werk aufzeigen und um Transformationsprozesse von Körpern und Maschinen kreisen.

Die Ausstellung Rebecca Horn. Theater der Metamorphosen im Centre Pompidou-Metz illustriert die bemerkenswert zahlreichen Ausdrucksformen, derer sich die Künstlerin in ihrer Praxis bedient. Nach einer Lungenerkrankung machte Rebecca Horn den Körper zum bevorzugten Werkstoff ihres Oeuvres. Mit einer Vorliebe für paradoxe Assoziationen inszeniert sie die dualistischen Prinzipien, die unser Leben prägen: Subjekt und Objekt, Körper und Maschine, Mensch und Tier, Verlangen und Gewalt, Stärke und Gebrechen, Harmonie und Chaos. Das Lebendige und das Unbelebte scheinen verwandelt: Das Objekt ist beseelt, wohingegen das Individuum sich durch seine physischen Unzulänglichkeiten und Wandlungsfähigkeit auszeichnet. Und genau daraus resultiert die beunruhigende Befremdung, das Unheimliche, in Horns Werk.

Immer wieder nähert Horn sich auf ganz eigenen Wegen Themen aus Mythologie und Märchen, wie der Verwandlung in sagenhafte oder hybride Wesen, das geheime Leben der Dingwelt, den Geheimnissen der Alchemie, oder der fantastischen Welt der Körperautomaten. Diese grundlegenden Themen, mit denen sich in der Kunstgeschichte schon zahlreiche Strömungen wie Manierismus und Surrealismus beschäftigten, setzt Horn in den Kontext der Gegenwartsgeschichte. Die Ausstellung macht sichtbar, in welchem Maße „Geistesverwandte“ wie Man Ray, Marcel Duchamp, Meret Oppenheim und Constantin Brâncuși Horns Fantasie beflügeln. Ihre Filme sind von einer befreienden, archaischen Energie geprägt, und ihre latente Gewalt wird häufig durch Poesie und Humor entschärft. Dienten die Filme zunächst noch der Dokumentation ihrer intimistischen Body-Performances, wurden sie zunehmend eigenständiger, um sich zu Horns bevorzugter Bühne zu entwickeln, auf der mechanische Skulpturen und menschliche Akteure in tragikomischen und surrealen Erzählungen aufeinandertreffen.

Vom Theater des Intimen, das bewohnt ist von ihrem leiderprobtem Körper, öffnet sie sich nach und nach dem Weltgeschehen, um Not und Entwurzelung von Menschen spürbar zu machen, die durch Konflikte und Exil heimatlos geworden sind; etwa mit ihrem Werk Bee’s planetary map, das dem Thema Exil und jenen gewidmet ist, „die ihr Gleichgewicht verloren haben“. Rebecca Horn begegnet der „Fluchtbewegung“, die die Welt durchzieht, mit „Stabilität, einem Ort, an dem die Individuen ihre Identität wiederfinden“1. Sie bringt die Macht der Kunst als ursprünglichste Ausdrucksform des Lebens und des Bewusstseins des Grenzenlosen selbst zum Ausdruck. Die Ausstellung ist eine Einladung an die BesucherInnen, teilzuhaben an dieser bewegenden Inszenierung, auf dass sie ihnen „ein Ort der Freiheit für ihre eigenen Vorstellungswelten“2 werde.

 

1 Rebecca Horn, Doris von Drathen, „Au point zéro des turbulences“, in: Rebecca Horn, Ausstellungskatalog, Institut für Auslandsbeziehungen / Carré d’art, Nîmes, 2000, S. 168.
2 Rebecca Horn, über Der Eintänzer, 1978, Ausstellungskatalog, Nîmes, S. 50

 

Kuratorinnen:
Emma Lavigne, Direktorin des Centre Pompidou-Metz
Alexandra Müller, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Centre Pompidou-Metz

 

Körperphantasien wird vom 5. Juni bis 22. September 2019 im Museum Tinguely Basel präsentiert.

 

EIN AUSSTELLUNGSPROJEKT IM DIALOG MIT DEM MUSEUM TINGUELY

 

Gründungsmäzen :

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Medien Parnter

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Logo ARTE

Die Ausstellung zeichnet den Entstehungsprozess von Horns Werken nach, dokumentiert das wiederkehrende Auftreten von Themen und Objekten und ihre Transformationen in fünf Jahrzehnten kreativen Schaffens. Der Rundgang gestaltet sich wie ein Theater der Metamorphosen, dessen verschiedene Akte die Zuschauer in einem dynamischen Hin und Her erleben können. Hauptakteure in Ausstellungsraum und Film sind Skulpturen und mechanische Objekte, die die Künstlerin in Ritualen und Zyklen des Lebens inszeniert. Für die Künstlerin gleichen Ausstellungen Choreografien oder musikalische Kompositionen, welche dem den Besucher-/BetrachterInnen eine Erfahrung bieten, in der Geräusche, Bewegung und Empfindungen zu einem großen Ganzen verschmelzen, das sich allen kunstgeschichtlichen Kategorisierungen (Body Art, Videokunst, Installation usw.) entzieht. Während des Rundgangs entsteht „eine Art künstlerisches Gleichgewicht“ zwischen den Medien und sie fügen sich zu einem Gesamtkunstwerk, das sich ständig neu formiert und erfindet.

PARALLEL ZU THEATER DER METAMORPHOSEN:

DIE PARTNERAUSSTELLUNG KÖRPERPHANTASIEN
IM MUSEUM TINGUELY IN BASEL

Rebecca Horn. Körperphantasien

Inspiration für Rebecca Horns Schaffen bildet stets der individuelle Körper und dessen Bewegungen. In ihrem performativen Frühwerk der 1960er und 1970er Jahre äussert sich dies in der Anwendung von Objekten, die als Körpererweiterungen neue Wahrnehmungserfahrungen eröffnen und zugleich auch als Limitationen wirken. In der Folge schuf die Künstlerin ab den 1980er Jahren primär kinetische Maschinen und zunehmend raumgreifende Installationen, die mittels Bewegung lebendig werden. Der agierende Körper wurde durch einen mechanischen Akteur ersetzt. Mit der Ausstellung „Körperphantasien“ rückt die Präsentation in Basel die Transformationsprozesse zwischen erweiterten Körpern und animierten Maschinen in Rebecca Horns mittlerweile fast fünf Dekaden umspannenden OEuvre in den Mittelpunkt.

Die frühen Körperskulpturen der Künstlerin, mit den aus Stoff gefertigten oder auch mit Federn ausgestatteten Prothesen, appellieren an eine taktile Wahrnehmung und eine haptische Körpererfahrung. Sie scheinen auf den ersten Blick in starkem Kontrast zu stehen zu den hoch präzisen, mechanischen Konstruktionen aus kühlem Metall, die Rebecca Horns kinetische Skulpturen kennzeichnen. Demgegenüber betont die Ausstellung im Museum Tinguely mit einem Fokus auf Bewegung, Kinetik und prozessuale Fragen die Kontinuität ihres Werks. In den Räumen in Basel stehen daher performative Arbeiten und spätere Maschinenskulpturen nebeneinander, um die Entfaltung von Bewegungsmotiven im Schaffen der Künstlerin nachvollziehen zu können. Gegliedert in mehrere Mikrogeschichten und unter Berücksichtigung ihres medienübergreifenden Schaffens zeichnet die Basler Präsentation so die Entwicklung ihrer Werke als „Stationen in einem Transformationsprozess“ (Rebecca Horn) anhand von vier Themen beispielhaft nach.

Flügel schlagen

Eine erste Gruppe von Werken geht von der Performance Weisser Körperfächer (1972) aus, mit der Rebecca Horn an die alte Faszination der Menschen für geflügelte und gefiederte Wesen anknüpfte. Mit Gurten fixierte sie an ihrem Körper ein Paar halbkreisförmige Flügel aus weissem Stoff, die sich durch Heben der Arme entfalten. Während die von Speichen stabilisierten Segel an frühe Flugapparate erinnern, lassen die Rahmung des Körpers und die Bewegungen vor allem an einen Schmetterling denken. Ein Film dokumentiert die von ihr mit diesem Körperinstrument vollführten Bewegungsexperimente: Das Öffnen und Schliessen, die Kontrolle der Flügel im Wind, Formen des Versteckens und Enthüllens, aber auch das Flügelausbreiten. Es sind Bewegungsmuster, die Rebecca Horn in einer Reihe von Skulpturen weiterentwickelte, so etwa in der einen nackten Körper umhüllenden Paradieswitwe (1975), in der balzenden Pfauenmaschine (1979), dem Hängenden Fächer (1982) oder dem Federrad Zen der Eule (2010).

Zirkulieren

Verschiedene Formen von Zirkulation, organische, mechanische und elektrische, werden in einem zweiten Bereich der Ausstellung thematisiert. Zentral ist hier die Arbeit î (1970), der den Menschen als ein hydromechanisches Gebilde präsentiert und an historische Verwendungen der Maschine als Modell zur wissenschaftlichen Erkenntnis des menschlichen Körpers erinnert. Der Arbeit steht die mit einem Röhrensystem wuchernd ausgreifende Installation Rio de la Luna (1992) gegenüber, in deren „Herzkammern“ Quecksilber von Pumpen bewegt wird. Während im ersten Fall die innere Bewegung des Blutkreislaufs nach aussen verlegt wird – und der Träger des Gewands zu gleich zu Bewegungslosigkeit gezwungen ist und damit zu einem mechanisierten Objekt reduziert wird –, stand im zweiten Fall das Sichtbarmachen von emotionalen Energieströmen für Rebecca Horn im Vordergrund.

Einschreiben

Die gezeichnete Linie und Farbmarkierungen verstanden als Spuren der Bewegung des Körpers bilden einen weiteren Themenkomplex der Basler Ausstellung. Dieses Motiv wird ausgehend von der Bleistiftmaske (1972), einem furchteinflössenden, maskenförmigen Zeicheninstrument, das den Körper in eine blinde, rhythmische Malmaschine transformiert, vorgestellt. Konsequent führt die Künstlerin die Thematik in automatisierten Malmaschinen, von denen zwei verschiedene Typen (Salomé, 1988, und Les Amants, 1991) gezeigt werden, fort. Die gesetzten Markierungen werden dabei nicht nur als Spuren physischer Bewegung, sondern immer auch als Ausdruck eines emotionalen Bewegtseins und Leidenschaft verstanden. Die Zeichnung als Einschreibung von Körper und Psyche wird schliesslich in den grossformatigen, eigenhändig ausgeführten Papierarbeiten der Serie Bodylandscapes aus den Jahren 2004 und 2005, welche sich in ihren Dimensionen auf die Körpergrösse und Reichweite der Künstlerin beziehen, erneut aufgegriffen.

Tasten

Ein letzter Themenbereich nimmt Extensionen von Händen und Füssen in den Blick. Ein frühes Werk in diesem Komplex sind Rebecca Horns Handschuhfinger (1972). Mit den Fingerverlängerungen aus mit schwarzem Stoff überzogenem Balsaholz erkundete die Künstlerin wie mit Fühlern tastend ihre Umgebung. In ihren kinetischen Werken entwickelte sie das Sujet weiter und griff immer wieder auf alltägliche Objekte zurück, die im Sinne Sigmund Freunds als Körpererweiterungen zu verstehen sind, wie beispielsweise Pinsel, Hammer oder hochhackige Damenschuhe (z. B. American Waltz, 1990). Auch Schreibmaschinen mit ihren Klaviaturen sind Instrumente, die unsere Finger verlängern. Sie wurden von Rebecca Horn in mehreren Werken verwendet, darunter in dem in Basel ausgestellten Schlüsselwerk La Lune Rebelle (1991), ein Ensemble von der Decke hängender, tippender Schreibmaschinen. Die Werke dieser Gruppe bieten auch einen soziologischen Blick die Maschine als Körperextension, indem insbesondere weiblich konnotierte Objekte versammelt sind.

Text von Dr. Sandra Beate Reimann

Museum Tinguely
Paul Sacher-Anlage 1
Postfach 3255
CH-4002 Basel
T. +41 61 681 93 20
infos@tinguely.ch
www.tinguely.ch

Das Centre Pompidou-Metz widmet Rebecca Horn eine Monografie, die die künstlerischen Entstehungsprozesse ihres Schaffens beleuchtet und den werksinternen Dialog hervorhebt, der über fünf Jahrzehnte entstandene Werke miteinander verbindet. Ferner werden auch wichtige Inspirationsquellen – aus Surrealismus, Alchemie, Theater und Film – in Betracht gezogen. Mit seinem in Montagen arrangiertem Bildmaterial, das unter anderem zahlreiche Archivdokumente umfasst, eröffnet der Katalog anhand disziplinübergreifender Themen neue Perspektiven auf die Arbeit Rebecca Horns. Die Publikation beinhaltet überdies unveröffentlichte Aufsätze von Philippe-Alain Michaud, Konservator der Filmsammlung des Musée national d’art moderne Centre Pompidou in Paris, sowie von den Kuratorinnen Emma Lavigne und Alexandra Müller.

 

HERAUSGEGEBEN VON EMMA LAVIGNE UND ALEXANDRA MÜLLER
PREIS: 36 EURO
216 SEITEN
ERSCHEINUNGSDATUM: 5. JUNI 2019
ISBN : 978-2-35983-056-9