Konstruierte Welten. Eine Auswahl an Skulpturen des Centre Pompidou

AusstellungenKonstruierte Welten. Eine Auswahl an Skulpturen des Centre Pompidou

Vom 22 november 2019 bis 23 august 2021

Wo?: Galerie 1
Was?: Ausstellungen
Publikum: Alle Altersklassen

Ein Großteil der modernen Bildhauerei bricht seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts mit Traditionen und tendiert stattdessen zur Abstraktion. Paradoxerweise geht es dabei jedoch darum, eine universellere und objektivere Analyse der Welt vorzunehmen: Manche Künstler, wie z. B. die Kubisten, begnügen sich nicht mehr damit, an der Oberfläche zu bleiben. Ihr Ziel ist vielmehr, die den Dingen inhärente Gliederung zu zeigen. Die Objekte, mit denen sie sich beschäftigen, unterteilen sie daher in Linien, Volumen und Pläne.
Künstler verschiedener avantgardistischer Richtungen nennen ihre Werke Konstruktionen oder Strukturen und entscheiden sich für eine radikale, von Linien und rechten Winkeln geprägte Art der Abstraktion. Während die Industriearchitektur konstruktivistische Tendenzen nährt, welche bisweilen dazu dienen, funktionelle Objekte herzustellen, ist auch die Bildhauerkunst auf der Suche nach dem, was sie ausmacht, nach ihrem Bezug zu Gesten, Materialien und vor allem zu einem Raum, der nicht nur klar strukturiert, veränderbar und dynamisch ist, sondern der auch den Betrachter miteinbezieht.
Künstler des Modernismus setzen für ihre Skulpturen auf eine Transparenz und ein Gleichgewicht, die sie gerne in menschlichen Strukturen wiederfinden würden. Die hier ausgestellten Kunstwerke aus der Sammlung des Centre Pompidou zeigen Entstehung, Kritik und Ende dieser utopischen Abstraktion.

Kommissare: Bernard Blistène, Direktor des Musée national d’art moderne, mit Jean-Marie Gallais, Leiter der Programmabteilung des Centre Pompidou- Metz Forschungs- und Ausstellungsbeauftragte: Hélène Meisel 

 

Gründungsmäzen:

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Mit freundlicher Unterstützung von MUSE
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Konstruierte Welten in der Kontinuität von Leuchttürme, Musicircus und Das Abenteuer Farbe bieten eine thematische Langzeitüberquerung des Centre Pompidou/Musée national d’art moderne im Centre Pompidou-Metz. Mit rund fünfzig Schlüsselwerken, von Constantin Brâncuşi und Alberto Giacometti bis hin zu Bruce Nauman, Rasheed Araeen und Rachel Whiteread erkundet diese vierte Folge, begleitet von einer Mediation durch das Bild, die skulpturale Entwicklung der Künstler seit dem frühen 20. Jahrhundert bis heute.

Ohne einer streng chronologischen Reihenfolge zu folgen, spricht der Parcours durch Aufheben konventioneller Voraussetzungen einige der grundlegenden Fragen der Skulptur an, zum Beispiel: die Bedeutung der Geste, Anwesenheit, Abwesenheit oder Integration der Basis, Erfindung und Neuerfindung der Skulptur jenseits der Statue, des Volumens, der Schwerkraft oder der Unbeweglichkeit. Die Vielfalt der in dieser Ausstellung gezeigten Werke und Strömungen navigiert durch die möglichen „Parameter“ eines Mediums, das manchmal an seine Grenzen zurückgedrängt wird: die grafische Skulptur nahe der Zeichnung mit den geschweißten Silhouetten von Julio González (Femme à la corbeille, 1934); die „bodenferne“ dynamische Skulptur der Mobiles von Alexander Calder (Fish Bones, 1939); die Skulptur an der Grenze von Architektur mit Kasimir Malewitschs Architectones (Gota, 1923/1989), den monumentalen Abgüssen von Rachel Whiteread (Untitled, Room 101, 2003); oder die Skulptur nahe am Verschwinden mit simuliertem Zusammenbruch von Monika Sosnowska (Rubble, 2008). Dadurch, dass die Skulptur aufhört, ein Objekt zu sein, findet sie sich in dem von der Kunsthistorikerin Rosalind Krauss beschriebenen „erweiterten Feld“ wieder, um zu einer Struktur, einer Installation, einem Environment, einem Ort, einer Aufführung zu werden ...

Gleich zu Beginn des Parcours verkörpert die große, von Joseph Beuys in einen Baumstamm geschnitzte liegende Holzskulptur, wie ein Sarkophag längs auf dem Boden gelegen, die anonymen archaischen Votivgegenstände (Nasse Wäsche Jungfrau II, 1985). Ebenso erinnern die assemblierten Monolithen von Ulrich Rückriem an die Kunst der Steinmetze, angefangen von megalithischen Anordnungen bis hin zu Erbauern von Kathedralen (Dolomit, 1982). Die direkte Bearbeitung von Rohmaterialien ist ein möglicher Ausgangspunkt, eine ursprüngliche Geste, die überflüssige Transformationen vermeidet, um heiligen Zwecken zu dienen. Etwas weiter dann Strukturen von Robert Smithson (Mirror vortex, 1964), Donald Judd (Untitled, 1978) oder Gerhard Richter (6 stehende Scheiben, 2002/2011), die hingegen perfekt industriell bearbeitet sind, ebenso die Glas-, Metall- oder Plexiglasflächen ohne jegliche Mängel. Diese anonym minimalistischen Skulpturen wirken wie nicht von Hand, sondern von Maschinen hergestellte Prototypen: Objekte ohne Geste, die andere (technologische, merkantile?) Kulte ankündigen.

Die Paradoxien dieser ausgestellten Werke bieten eine kontrastreiche Neuinterpretation eines Teils der Geschichte der Skulptur des 20. und 21. Jahrhunderts, beginnend mit der Geschichte der Formen, was Filiationen sowie fruchtbare Disharmonien zu erkennen gibt. In einem Raum, der einem berühmten ästhetischen Duell zwischen Vertikalität und Horizontalität gewidmet ist, kohabitieren auf außergewöhnliche Weise die Endlose Säule von Constantin Brâncuşi und ein Metallgitter von Carl Andre (4 Segment Hexagon, 1974), das sich auf dem Boden ausbreitet. Carl André, ein großer Bewunderer von Brâncuşi – „[vor ihm] war die Vertikalität immer begrenzt: Die Oberfläche des Kopfes und die Fußsohlen waren die Grenzen der Skulptur. Die Skulptur von Brâncuşi überschreitet ihre vertikale Grenze und setzt sich über die irdische Grenze hinaus fort“ –, wird sich dennoch dazu entschließen, die Endlose Säule „auf den Boden“ zu legen und entscheidet sich für eine deutliche Horizontalität. Die Ausstellung ist innerhalb dieser Spannungen ausgerichtet, die die moderne und zeitgenössische Skulptur immer wieder neu definieren.

Zur Einführung und zum Abschluss dieses Parcours wurde die 1979 in Amsterdam geborene Künstlerin Falke Pisano eingeladen, eine Installation als „kleine Geschichte der modernen Skulptur“ zu konzipieren. Falke Pisano hinterfragt seit Mitte der 2000er Jahre die Paradoxien der modernen und zeitgenössischen Skulptur: Kann eine Skulptur sowohl abstrakt als auch konkret sein? Kann eine Skulptur zu einem Gespräch werden? Die Texte und Vorträge der Künstlerin entwickeln die Themen, die ihr am Herzen liegen – die Sprache, der Körper, die Wahrnehmung oder der Kontext. Dieses Befragen wird dann zwecks Aufnahme von Werken, Diagrammen, Postern oder Projektionen sowie Performances zu Vorrichtungen verräumlicht.