Hans Richter. Eine Reise durch das Jahrhundert

AusstellungenHans Richter. Eine Reise durch das Jahrhundert

Vom 28. September 2013 bis 24. Februar 2014

Wo?: Galerie 2
Was?: Ausstellungen
Publikum: Alle Altersklassen

Als erste Institution in Frankreich würdigt das Centre Pompidou-Metz das grafische, malerische und filmische Werk des deutschen Künstlers Hans Richter (1888–1976) mit einer großen Retrospektive und nimmt die in Partnerschaft mit dem Los Angeles County Museum of Art entwickelte und organisierte monografische Ausstellung zum Anlass, den Künstler in seinem Kontext zu verorten.

Hans Richter. Eine Reise durch das Jahrhundert zeichnet die über 50 Jahre währende Laufbahn des Künstlers im Lichte seiner zahlreichen kollaborativen Projekte unter anderem mit Hans Arp, Alexander Calder, Marcel Duchamp, Viking Eggeling, Max Ernst, Marcel Janco, Fernand Léger, Kasimir Malewitsch, Man Ray, Ludwig Mies van der Rohe, Gerrit Rietveld und Theo van Doesburg nach. Richters Leben spiegelt die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts, ihre gesellschaftliche, politische und formale Dimension, ebenso wider wie es sie prägte. Illustriert wird diese Geschichte bei der Ausstellung nicht nur mit bedeutenden Werken der Avantgarden des 20. Jahrhunderts, sondern auch mit einer umfangreichen Auswahl an dokumentarischem Material wie Fotografien, Bücher und Zeitschriften.

Richter erlebte die entscheidenden Ereignisse der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts aus nächster Nähe – vom Ersten Weltkrieg über den Spartakusaufstand und die Weimarer Republik bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten und der Judenverfolgung. Es verschlug ihn von Zürich nach Berlin und Moskau, bis er schließlich Anfang der 1940er-Jahre nach New York emigrierte. Als Kind des Expressionismus bewegte er sich am Schnittpunkt von Dada, Konstruktivismus und Neoplastizismus und gilt als einer der herausragenden Vertreter der Avantgarden der 1910er- und 1920er-Jahre, der es wie kein anderer verstand, den Dialog zwischen Intellektuellen und Künstlern der verschiedensten Gesinnungen und Disziplinen zu fördern. Er erlebte, wie sich das Zentrum der internationalen Kunstszene von Europa in die Vereinigten Staaten verlagerte, und trug als Lehrer sowie durch seine Publikationen und Ausstellungen dazu bei, die Geschichte der modernen Kunst, an der er selbst aktiv teilhatte, zu schreiben. Darüber hinaus suchte er eine neues System der Künste zu etablieren, in dem der Film eine entscheidende Bedeutung haben sollte.

Mit seiner Arbeit Rhythmus 21 wurde Richter zum Pionier des Experimentalfilms. Der dreiminütige Kurzfilm ist von ähnlicher Radikalität wie Weißes Quadrat auf weißem Grund von Kasimir Malewitsch, mit dem er 1927 zusammenarbeitete.

Im vielgestaltigen Werk von Hans Richter fungiert der Film gleichsam als Knotenpunkt, als kommunikatives Medium im Dialog zwischen Malerei, Zeichnung, aber auch Typografie, Fotografie und Architektur. So beeinflussten die Filme, die Richter ausgehend von seinen Rollenbildern entwickelte, etwa die moderne Architektur von Ludwig Mies van der Rohe oder auch Gerrit Rietveld. Die Ausstellung Hans Richter. Eine Reise durch das Jahrhundert macht diese Durchlässigkeit der Disziplinen sichtbar, nimmt Wahrnehmung und Erscheinungsformen des bewegten Bildes im musealen Raum in den Blick. Und nicht zuletzt zeigt sie auf, welchen Einfluss der Film – und damit auch Hans Richter als Künstler am Schnittpunkt der verschiedenen Disziplinen – auf die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts hatte.

Der Ausstellungsparcours zeichnet Richters Reise durch das Jahrhundert Schritt für Schritt nach. Er beginnt mit der Dada-Bewegung in den 1910er- und 1920er-Jahren, um mit Hans Richters schriftlicher und bildlicher Rückschau auf diese Kunstbewegung zu enden, mit der er sich zum Chronisten der Avantgarden der 1920er-Jahre und seines eigenen Schaffens machte. Zwischen diesen beiden Punkten, dem gelebten Dada und seiner Rekonstruktion, geht es um das Verrinnen der Zeit, politischen und künstlerischen Aktivismus, Geschichte und ihre Wiederholung.

Kuratoren:
Philippe-Alain Michaud, Konservator am Centre Pompidou, Musée national d’art moderne, Leiter der Abteilung Experimentalfilm
Timothy O. Benson, Direktor des Rifkind Center, LACMA, Los Angeles

Assoziierte Kuratorin:
Cécile Bargues, Kunsthistorikerin

Parallel zur Ausstellung Hans Richter. Eine Reise durch das Jahrhundert zeigt das Centre Pompidou-Metz sechs Filme über Städte, in denen Hans Richter einst lebte : Hans Richter - seine Städte: Berlin-Moskau-New York. Die Stadtporträts, die von so bedeutenden Vertretern des Kunst- und Experimentalfilms wie Eugène Deslaw, Peter Hutton, Michail Kaufman, László Moholy-Nagy, Walter Ruttmann, Paul Strand und Charles Sheeler stammen, nehmen das Publikum mit auf eine Reise, die im Europa der 1920er-Jahre beginnt und in den USA der Nachkriegszeit endet.

Hans RICHTER (1888-1976)

1888
Johannes Siegfried (Hans) Richter wird als ältestes von sechs Kindern der Eheleute Moritz und Ida Gabriele Richter, geb. Rothschild, geboren. Die wohlhabende Familie fördert die Begeisterung der Kinder für die Kunst. Bereits in sehr jungen Jahren erweist Richter sich als begabter Zeichner.

1908
Richter nimmt sein Studium an der Hochschule für bildende Kunst in Berlin auf, um im Folgejahr an die Weimarer Akademie zu wechseln.

1913-1916/17
Richter ist in der Künstlervereinigung Der Sturm aktiv und arbeitet für die Zeitschrift Die Aktion.

1916
Nach einer schweren Verwundung im Ersten Weltkrieg geht Richter nach Zürich, wo er Tristan Tzara, Marcel Janco, Hans Arp und Hugo Ball kennenlernt. Ihr Zusammentreffen markiert die Geburtsstunde des Dada – und in Richters Augen eine radikale Wende, mit der sich dem modernen Zeitgeist ganz neue Horizonte eröffneten.

1917
Bei seinen Visionären Porträts experimentiert Richter mit dem Begriff der Spontaneität und lässt den Zufall den Pinsel führen. Weiterhin malt er zahlreiche Dada-Köpfe, für die er mit den Gegensatzpaaren postiv/negativ und schwarz/weiß experimentiert.

1918
Tristan Tzara macht Hans Richter mit Viking Eggeling bekannt. Aus der Zusammenarbeit der beiden entwickelt sich das Genre des abstrakten Films. Zwei Jahre später publizieren die Künstler gemeinsam die (heute verschollene) Broschüre Universelle Sprache.

1919
Hans Richter engagiert sich in der Münchener Räterepublik. Er zeichnet die Serie Präludium.

1921
Nach seiner mehrjährigen Zusammenarbeit mit Viking Eggeling macht Richter mit Rhythmus 21 seinen ersten Film. Theo van Doesburg widmet den Experimenten der beiden Freunde einen Beitrag in der Zeitschrift De Stijl, für die Richter in der Folge ebenfalls schreibt.

1923
Richter gibt die erste Nummer der Zeitschrift G (für „Gestaltung“) heraus. Bis 1926 erscheinen fünf weitere Ausgaben. Ziel der Publikation ist es, eine Brücke zwischen Dada und Konstruktivismus zu schlagen. Veröffentlicht werden unter anderem Beiträge von Hans Arp, Raoul Hausmann, El Lissitzky, Kasimir Malewitsch, Ludwig Mies van der Rohe, Kurt Schwitters, Tristan Tzara und Theo van Doesburg.

1927
Hans Richter und Kasimir Malewitsch präsentieren einen Film über den Suprematismus.

1928
Richter wendet sich vom abstrakten Film ab, um das deutlich narrativere Werk Vormittagsspuk zu inszenieren, dessen Handlung auf einer Rebellion der Objekte basiert, mit der die gewohnte Ordnung im Chaos versinkt.

1929
In Stuttgart findet die große Ausstellung FiFo (Film und Foto) statt, bei der Hans Richter für das Programm der Filmsektion zuständig ist. Zu sehen sind außerdem rund 1000 Fotos, die unter anderem von Edward Weston und Edward Steichen für die USA und El Lissitzky für die UdSSR ausgewählt wurden. László Moholy-Nagy übernimmt die Gestaltung des ersten Saales.

1933
Die Nazis verwüsten Richters Atelier in Berlin, und seine Werke werden entweder konfisziert oder zerstört. Seine Kunst wird als „entartet“, er selbst als „Kulturbolschewist“ diffamiert, und man entzieht ihm die deutsche Staatsbürgerschaft.

1930er-Jahre
Nach dem vergeblich Versuch, in der Sowjetunion einen Anti-Nazifilm zu drehen, bereist Richter ganz Europa. In den Niederlanden arbeitet er für das Unternehmen Philips, in der Schweiz macht er diverse Werbefilme. Außerdem hält er zahlreiche Vorträge zum Thema Film.


1941
Richter emigriert über Chile in die Vereinigten Staaten. Dort lehrt er am Filminstitut des City College in New York, dessen Leitung er schließlich übernimmt.

1944-1947
Richter dreht gemeinsam mit seinen in die USA emigrierten Freunden Alexander Calder, Marcel Duchamp, Max Ernst, Fernand Léger und Man Ray den Film Dreams That Money Can Buy [Träume zu verkaufen].

1946
Hans Richter a recommencé à peindre. Peggy Guggenheim organise sa première exposition personnelle aux États-Unis, présentant notamment ses grands rouleaux inspirés de la Seconde Guerre mondiale.

1953-1958
Hans Richter wirkt an der Organisation diverser Ausstellung mit, die sowohl in den USA als auch in Europa zu einer Wiederentdeckung des Dada führen. 1956 inszeniert er den der Dada-Dichtung gewidmeten Film Dadascope.

1964
Richter veröffentlicht – zunächst auf Deutsch, dann auf Englisch und Französisch – sein Werk Dada – Kunst und Antikunst. Es folgen weitere Erinnerungen und kunstgeschichtliche Publikationen (Dada Profile, Begegnungen von Dada bis heute). Zwei Jahre später entwickelt Richter die ausschließlich aus Reproduktionen bestehende Ausstellung Dada 1916–1966, die auf der ganzen Welt zu sehen sein sollte.

1970-1976
Im Laufe seiner letzten Lebensjahre wird Richters Werk mit 28 Einzelausstellungen gewürdigt, und er nimmt an 32 Sammelausstellungen teil. Er stirbt im Alter von 87 Jahren im Tessin in der Schweiz, wo er ganz in der Nähe von Hans Arp ein Atelier hat und einen Teil des Jahres verbringt. In der übrigen Zeit lebt er in Connecticut. Richter hörte bis zu seinem Tod nicht auf zu reisen, zu malen und zu schreiben.

Der Ausstellungsparcours entwickelt sich – ganz wie der gelochte Filmstreifen auf der Filmrolle – in einer gleichermaßen linearen wie zirkulären Bewegung und ist ebenso wie der Werdegang Richters geprägt durch das Phänomen der Wiederholung: Immer wieder bearbeitete er seine Werke neu, führte die in den 1920er-Jahren etablierten Prinzipien der Avantgarden fort und dokumentierte seine eigene Geschichte in Form von Büchern und Ausstellungen. Endgültig schloss sich die Schleife, als Hans Richter, einer der bedeutendsten Vertreter des Dada, die Geschichte der Bewegung niederschrieb und so zu ihrem Mittler und Bewahrer wurde.

1916 kommt Hans Richter als 28-Jähriger nach Zürich. Kurz zuvor hat man ihn aus dem Militärhospital entlassen, wo er aufgrund einer schweren Verletzung zum Kriegsinvaliden erklärt wurde. Seine aus dieser Zeit datierenden, fieberhaft wirkenden Zeichnungen zeigen Schweine, die sich über die toten Körper gefallener Soldaten hermachen. In Zürich lernt Richter Marcel Janco, Tristan Tzara und Hans Arp kennen, und die Stadt wird eine „Insel inmitten von Feuer, Stahl und Blut“ und zur Wiege der Dada-Bewegung. Die Revolution, an der er damit teilhat, war, wie Richter später schreiben sollte, „nicht eine Kunstbewegung im herkömmlichen Sinn, es war ein Gewitter, das über die Kunst jener Zeit hereinbrach wie der Krieg über die Völker“. Zwar schließt er sich der von Franz Pfemfert herausgegebenen Zeitschrift Die Aktion sowie den Protesten gegen den vernichtenden Charakter des Ersten Weltkriegs an, doch sein Widerstand gegen die etablierte Ordnung besteht vor allem in seinen im Dämmerlicht gemalten Visionären Porträts, für die er Farben und Pinsel freien Lauf lässt. Weiterhin zeichnet er mit Tusche seine Dada-Köpfe, in denen er die Formen immer stärker vereinfacht, die Schnelligkeit der Geste immer weiter steigert. Diese Schwarz-Weiß-Serie, ihr Wechselspiel zwischen Negativ und Positiv, kündet bereits von seinen zukünftigen Experimenten im seinerzeit noch vollkommenen offenen Bereich der Filmkunst, für die seine Begegnung mit Viking Eggeling prägend werden sollte.

Nach dem letzten Dada-Abend in Zürich begibt sich Hans Richter nach München, um sich in der gerade gegründeten Räterepublik zu engagieren, und erlebt, wie die Revolution brutal niedergeschlagen wird. Diese Ausstellungssektion illustriert auch Richters Zusammenarbeit mit Viking Eggeling: Mithilfe ihrer Rollen-Bilder suchen die beiden Künstler Bewegung und sowie Auftauchen und Verschwinden reiner Formen zu erforschen. So gelangen sie schließlich von der Malerei zum bewegten Bild und darüber hinaus zur Erforschung des Raum-Zeit-Verhältnisses, das Richter als „vierte Dimension“ bezeichnete. Die Abstraktion ist eine der am wenigsten beachteten Ausprägungen des Dada: Rhythmus 21 und Rhythmus 23 beruhen auf der abstrakten Anordnung rhythmisch aufeinander folgender Rechtecke und Quadrate und verweisen in ihrer Ästhetik auf die Bewegung De Stijl. Als Künstler am Schnittpunkt der Avantgarden zeigte Hans Richter auf, wie die Dada-Bewegung politische Subversion und Formalismus zu vereinigen vermochte, und regte damit zu einer stil- und disziplinenübergreifenden Lesart der Kunstgeschichte ein. So treten in der Ausstellung Werke von Künstlern der Gruppe De Stijl (z.B. Gerrit Rietveld, Georges Vantongerloo und Theo van Doesburg) in einen Dialog mit Arbeiten von Dada-Künstlern wie Hans Arp, Raoul Hausmann, Marcel Janco und Kurt Schwitters.

Gegenstand der folgenden Ausstellungssektion ist die Zeitschrift G, die Richter von 1923 bis 1926 herausgab. Ihr Titel, der für den ersten Buchstaben von „Gestaltung“ steht, stammt – ebenso wie die Typografie der ersten beiden Ausgaben – von El Lissitzky. Wenngleich Ausdruck des Aufblühens der illustrierten Presse in den 1920er-Jahren, in dessen Gefolge auch Zeitschriften wie Ma oder Contimporanul erscheinen, nimmt G sowohl hinsichtlich des Spektrums ihrer Autoren (Hans Arp, Constantin Brâncuși, Werner Graeff, Raoul Hausmann, Piet Mondrian, Ludwig Mies van der Rohe, Kurt Schwitters etc.) als auch der aufgegriffenen Fragestellungen, die von Mode über die Gestaltung von Buchstaben und Motoren bis zur Form von Gebäuden reichen, eine Sonderstellung ein. Weiterhin hinterfragt G die Bedeutung der „konsequenten Dichtung“ und des Films und beschäftigt sich mit der Frage, was Letzterer war und hätte sein können. So trägt die letzte Ausgabe den schlichten Titel „Film“ und lässt sich gleichermaßen als Hommage und Testament dieser künstlerischen Disziplin begreifen.

Motiv einer Titelseite von G war eine Komposition von Kasimir Malewitsch: Sie zeigte in der Untersicht dargestellte, frei am Himmel schwebende Elemente. Während eines Besuches am Bauhaus hatte Malewitsch Hans Richter für die bewegte Darstellung seiner suprematistischen Formen und deren Entfaltung im Raum gewinnen können, doch noch bevor er ihm das vorbereitete Drehbuch zukommen lassen konnte, wurde er zurück in die UdSSR beordert. Das unvollendete Projekt, das lange als verschollen galt und erst viele Jahr später wieder auftauchte, wurde schließlich Ende der 1960er-Jahre von Hans Richter und Arnold Eagle verwirklicht und wird in der Ausstellung umfassend dargestellt.

Angesichts seiner herausragenden Verdienste um den Avantgardefilm und der Bedeutung seiner in den 1920er-Jahren entstandenen Filme – etwa Vormittagsspuk, Filmstudie, Alles dreht sich oder Inflation – übernimmt Hans Richter 1929 die Konzeption der Filmsektion für die Werkbund-Ausstellung „Film und Foto“ in Stuttgart, um einer offenen Filmgeschichte mit übergreifenden und überraschenden Bezügen auf Wissenschafts- und Experimentalfilm Gestalt zu verleihen, die den Besuchern Parallelen von Film- und Fotografiegeschichte aufzeigt. Weiterhin verleiht er mit dem Ausstellungskonzept seinem militanten Verständnis über die Bedeutung des Films Ausdruck, indem er seine gesellschaftspolitische Dimension in den Fokus rückt. Diesen Standpunkt vertieft Richter in seinem Buch Filmgegner von heuteFilmfreunde von morgen, das im selben Jahr erscheint.


Anfang der 1930er-Jahre versucht Hans Richter vergeblich, in der Sowjetunion seinen Antinazi-Film Metall zu drehen. Da er sich in Deutschland nicht mehr sicher fühlt, flieht er zunächst in die Schweiz, dann in die Niederlande, wo er sich durch Vorträge und filmische Auftragsarbeiten finanziert. Im Exil erlebt er, wie seine Werke Eingang in die Nazi-Propaganda-Ausstellung „Entartete Kunst“ finden. Über diese Jahre des Umbruches und der Isolation in Richters Leben, in denen eine beträchtliche Anzahl seiner Werke zerstört wurde, ist nur wenig bekannt. Nach seiner Emigration über Chile in die USA beginnt Richter wieder zu malen. Aus dieser Zeit stammen seine auch in Collagetechnik gestalten großen Rollenbilder, die eine gewisse Verwandtschaft zur Historienmalerei erkennen lassen und Titel wie Stalingrad oder Befreiung von Paris tragen.

Der nächste Ausstellungsabschnitt zeigt, wie Hans Richter mit seinem Film Dreams That Money Can Buy (1944–1947) die versprengte Avantgarde in New York wieder zusammenführte. In dem Werk, an dem neben Hans Richter selbst Marcel Duchamp, Max Ernst, Fernand Léger und Man Ray beteiligt waren, erscheint Richter als „Blauer Mann“ und verweist damit auf ein Selbstporträt mit diesem Titel aus seiner Züricher Zeit. So wird in dem Werk eine Ästhetik der Wiederholung und der Wiederbelebung der Formen wirksam. Gleichzeitig hörte Richter, der als Lehrer eine neue Generation von Künstlern und Filmemachern prägte, nie auf, die Erinnerung an die Dada-Bewegung lebendig zu halten. Er vereint seine Freunde noch einmal in seinem Film Dadascope, lässt zerstörte Werke neu entstehen, verfasst seine Memoiren und schreibt mit Dada – Kunst und Antikunst eine Geschichte der Bewegung. Und nicht zuletzt widmete er Dada eine umfangreiche, ausschließlich aus Reproduktionen bestehende Ausstellung mit dem Titel Dada 1916–1966, die auf der ganzen Welt zu sehen war.

Nach ihrer Präsentation im Los Angeles County Museum of Art unter dem Titel Hans Richter: Encounters vom 5. Mai bis 2. September 2013 und der Schau im Centre Pompidou-Metz wird die Ausstellung vom 27. März bis 30. Juni 2014 im Martin-Gropius-Bau in Berlin zu sehen sein.

Catalogue de l'exposition Hans Richter. La traversée du siècleSammelwerk, herausgegeben von Philippe-Alain Michaud und Timothy O. Benson

ISBN : 978-2-35983-027-9
Erscheinungstermin: 10. Oktober 2013
Publikationsart: Ausstellungskatalog
Thema: Bildende Kunst
Format : 22 × 28 cm, 224 Seiten
Preis : 39 EURO

© Éditions du Centre Pompidou-Metz, in Koproduktion mit dem LACMA und Prestel

DIE AUTOREN

Cécile Bargues ist Spezialistin für die Dada-Bewegung und ihre Nachfolger. Gegenwärtig forscht die promovierte Kunsthistorikerin am Musée du quai Branly und an der Universität Paris I Panthéon-Sorbonne (Labex CAP) über „Dada und die Primitivismen“. Sie ist Autorin zahlreicher Artikel und Essays u.a. über Raoul Hausmann, Marcel Janco, Johannes Baader und Marcel Duchamp. Ihr Buch Raoul Hausmann et Ibiza [Raoul Hausmann und Ibiza] erscheint 2014. Cécile Bargues war 2010 assoziierte Kuratorin der Eröffnungsausstellung Meisterwerke? im Centre Pompidou-Metz.

Timothy O. Benson ist Konservator am Robert Gore Rifkind Center for German Expressionist Studies am Los Angeles County Museum of Art. Zu den bereits über 40 von ihm kuratierten Ausstellungen gehörten u.a. Expressionist Utopias (1993) und Central European Avant-Gardes: Exchange and Transformation, 1910–1930 (2002). Seine bedeutendsten Publikationen sind Between Worlds: A Sourcebook of Central European Avant-Gardes 1910–1930 (mit Éva Forgács, Cambridge/London, The MIT Press, 2002) und Raoul Hausmann and Berlin Dada, Neuauflage 2004 (Ann Arbor, UMI Research Press). Seine Ausstellung German Expressionism and France: From Van Gogh and Gauguin to the Blaue Reiter wird 2014 zu sehen sein.

Doris Berger ist Konservatorin am Skirball Cultural Center in Los Angeles. Nach ihrer Promotion war sie 2011–2012 Residentin am Getty Research Institute, wo sie ihre Forschung über die künstlerische Praxis Hans Richters weiter vertiefen konnte. Ihr Dissertation über die filmische Darstellung von KünstlerInnen, in Deutschland bereits unter dem Titel Projizierte Kunstgeschichte. Mythen und Images in den Filmbiografien über Jackson Pollock und Jean-Michel Basquiat (Bielefeld, Transcript, 2009) publiziert, erscheint demnächst unter dem Titel Projected Art History: Biopics, Celebrity Culture, and the Popularization of American Art auf Englisch.

Edward Dimendberg lehrt Film- und Medienwissenschaften an der University of California in Irvine. Er ist Autor der Werke Film Noir and the Spaces of Modernity (Cambridge, Harvard University Press, 2004) und Diller Scofidio + Renfro: Architecture after images (Chicago, University of Chicago Press, 2013) und hat gemeinsam mit Anton Kaes und Martin Jay das Buch The Weimar Republic Sourcebook (Berkeley/Los Angeles/London, University of California Press, 1994) verfasst. Darüber hinaus ist er über Dimendberg Consulting LLC als redaktioneller Berater tätig.


 

Frauke Josenhans ist Assistenzkonservatorin am Robert Gore Rifkind Center for German Expressionist Studies am Los Angeles County Museum of Art. Nach ihrem Studium der Kunstgeschichte an der Sorbonne und der École du Louvre schreibt sie gegenwärtig an der Universität Aix-Marseille an ihrer Dissertation über das Schaffen deutscher Maler im französischen Süden. Sie hat bereits an Ausstellungen in der Neuen Pinakothek in München sowie im J. Paul Getty Museum in Los Angeles mitgewirkt.

Philippe-Alain Michaud ist Konservator der Filmsammlung des Centre Pompidou, Musée national d’art moderne und Autor des Buches Aby Warburg et l’image en mouvement sowie zahlreicher Werke über die Bedeutung des Films in der modernen und zeitgenössischen Kunst. Zu den von ihm kuratierten Ausstellungen gehörten u.a. Le Mouvement des images (mit Quentin Bajac und Clément Chéroux, Paris, 2006–2007), Nuits électriques (Moskau und Gijón, 2011), Images sans fin: Brâncuși, film et photographie (Paris, 2011) und Tapis volants (Rom und Toulouse, 2012–2013).

Michael White ist stellvertretender Direktor des Instituts für Kunstgeschichte an der Universität York. Als Fachmann für die künstlerischen Avantgarden des 20. Jahrhunderts war er 2010 wissenschaftlicher Berater der Ausstellung Theo van Doesburg and the International Avant-Garde in der Tate Modern. 2013 ist sein Buch Generation Dada: The Berlin Avant-Garde and the First World War (New Haven, Yale University Press) erschienen.

Yvonne Zimmermann forscht gegenwärtig als Residentin der Universität New York über Hans Richters Schweizer Exil und den transatlantischen Austausch in der Filmkultur. Zuvor war sie Gastprofessorin an der Universität Sorbonne Nouvelle-Paris 3. Neben ihrer Dissertation mit dem Titel Bergführer Lorenz: Karriere eines missglückten Films (Marburg, Schürer Verlag, 2005) ist sie Herausgeberin und Ko-Autorin des Buches Schaufenster Schweiz: Dokumentarische Gebrauchsfilme 1896–1964 (Zürich, Limmat Verlag, 2011).

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