Die Kunst des Lernens. Eine Schule der Kreativen

AusstellungenDie Kunst des Lernens. Eine Schule der Kreativen

Vom 5. Februar bis 29. August 2022

Wo?: Galerie 3
Was?: Ausstellungen
Publikum: Alle Altersklassen

Viele Künstler und Künstlerinnen beschäftigen sich mit der Frage der künstlerischen Ausbildung – die einen, weil sie Autodidaktinnen sind oder Kunst studieren, die anderen, weil sie Kunst unterrichten oder ein Atelier leiten. Häufig stellen sie die Institution Kunstschule infrage und widmen sich der Entwicklung alternativer pädagogischer Konzepte, bisweilen mit einem noch weiter reichenden Ziel: das Lernen neu zu denken.

Damit wandelt die künstlerische Ausbildung sich zu einer utopischen Suche nach einer Kunst der Ausbildung, die inspiriert ist von großen Pädagoginnen wie Maria Montessori, Célestin Freinet oder Paulo Freire. Die Visionen der Künstler sind antiakademisch, libertär, radikal – kurz, alles andere als konformistisch. Sie nehmen in neuen künstlerischen Formen Gestalt an, die partizipativ, kooperativ, kritisch, aufmerksam und inklusiv sind und damit auch neue Konzepte für das Miteinander in Gesellschaft und Lehre liefern, die uns in unserem Streben nach Wandel und Emanzipation unterstützen.

Die Ausstellung Die Kunst des Lernens ist den Nicht- Schulen, Anti-Universitäten, Gesprächskreisen, pädagogischen Wanderbewegungen und Video- Universitäten gewidmet, die die Kunstlandschaften der 1960er- und 1970er-Jahre bereicherten, als die Performance sich als Modell für die Lehre etablierte, die neuen technischen Möglichkeiten weltumspannende Netzwerke verhie en, feministische Forderungen sich verbreiteten und die Umweltbewegungen sich formierten. Heute wieder von brennender Aktualität, sind diese Abenteuer unbedingt einer neuerlichen Betrachtung wert.

Das französische Wort „formation“ – (Aus-)Bildung – leitet sich von dem lateinischen Substantiv forma ab, das sowohl die „Form“ als auch das darin gegossene „geformte Objekt“ bezeichnet. Diese auf den Prozess des Gießens verweisende skulpturale Konnotation des Begriffes „formation“ verleiht dem Wort eine plastische Dimension und lässt weiterhin eine wechselseitige Handlung aufscheinen, namentlich die des Formens und Geformt-Werdens. In einem weiteren Sinne bezeichnet „formation“ die Erziehung und Bildung des Menschen und beinhaltet auch hier eine in beide Richtungen weisende Aktion, das Weitergeben und Erlangen von Wissen und Kenntnissen.

In seinem kollaborativen Buch Lehren und Lernen als Darstellende Künste (1967-1970) bezeichnet Robert Filliou Lehren und Lernen als vollwertige Kunstformen, deren Ausübung in ihrem Wesen performativ sei. „Happenings, Events, Aktionspoesie, visuelle Poesie, Filme, Street-Performances, nicht-instrumentale Musik, Spiele, Korrespondenz …“ seien, so Filliou, der Bewusstseinsbildung der Menschen zuträglich und würden sie zu Teilhabe und Kreativität anregen. Filliou stand für eine zutiefst nonkonformistische Pädagogik, für die Disziplinlosigkeit, „Faulheit“, Spontaneität, Improvisation und ein kreativer Umgang mit Freizeit von zentraler Bedeutung sind. Er vertrat das Konzept der ständigen Schöpfung als Form von Kreativität, die nicht nur unterhaltsam sei, sondern zu echter Lebenskunst gerate, da das Leben für den Menschen die Möglichkeit (und die Verpflichtung) bedeute, sich selbst zu erschaffen.

Neben Filliou gab es eine Vielzahl von Künstlern (John Cage, Allan Kaprow oder Joseph Beuys), die sich als Lehrer Gedanken darüber machten, wie eine Kunst des Unterrichtens im weiteren Sinne aussehen könnte. Ihre Überlegungen sind Ausdruck des grundlegendes Wunsches nach gesellschaftlicher Veränderung im Sinne einer marxistisch und anarchistisch geprägten Weltanschauung, des Traumes von der Ankunft einer neuen Menschheit, die Konsum und Spektakel hinter sich gelassen hat. Sie lehnen die Vermarktung von Kunst und Wissen ab, setzen dem Imperativ der Spezialisierung die Forderung nach Interdisziplinarität und ganzheitlicher Bildung entgegen. Befeuert durch die Lektüre von Alexander Sutherland Neill (Erziehung in Summerhill. Das revolutionäre Beispiel einer freien Schule, 1969), Ivan Illich (Entschulung der Gesellschaft, 1971) und Paulo Freire (Pädagogik der Unterdrückten, 1971), dachte diese vom Mai 68 geprägte Generation Bildung vor allem als Befreiung und Entkonditionierung: als „Dekulturation“, wie Jean Dubuffet es formulierte, oder „Nicht-Lehre“, um es mit John Cage zu sagen …

Bereits in diesen fruchtbaren 1960er- und 1970er- Jahren zeichneten sich bereits Problemstellungen ab, die sich in unserer von rasendem Wandel geprägten Gegenwart weiter verschärfen und Thema der Ausstellung Die Kunst des Lernens. Eine Schule der Kreativen sind. Die Veränderungen sind kognitiver, sprachlicher, medialer, erkenntnistheoretischer und ökologischer Natur und werden in den verschiedenen thematisch gegliederten Ausstellungsabschnitten aufgegriffen.

Die Begeisterung für die Natur, einst geweckt von Rousseau und den Romantikern, erlebte mit der Reformpädagogik und ihrer Sehnsucht nach frischer Luft an der Schwelle zum 20. Jahrhundert neuen Auftrieb, später in den 1970er-Jahren dann mit dem Aufkommen des Umweltgedankens.

Die Frage nach der Umwelt stellt sich heute, da zwei gegensätzliche Positionen hinsichtlich des Umgangs mit natürlichen und menschlichen Ressourcen miteinander konkurrieren – berechnend die eine, emphatisch die andere –, von Neuem. Mit den aktuell zunehmend aufkommenden Dritten Orten, Zones à défendre (kurz: ZAD, wörtl. „zu verteidigende Gebiete, von Aktivisten besetzte Orte) und Ökosiedlungen setzt sich die Geschichte alternativer Wohn- und Siedlungsprojekte fort, in der insbesondere autonome Projekte (selbstverwaltet, selbst gebaut, mit alternativen Schulen) die Künstlerschaft faszinieren. Die Frage der Ressourcennutzung – ob es um Rohstoffe oder menschliche Ressourcen geht – verweist zurück auf die von Rohstoffabbau und -ausbeutung geprägte Geschichte der Geopolitik. Viele Künstler forschen disziplinenübergreifend in Archäologie, Anthropologie, Naturwissenschaften, Geschichte und Geografie, um eine kritische Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte anzustrengen und Lücken und Verzerrungen der Geschichtsschreibung offenzulegen. Ihre Werke tragen zum „Entlernen“ veralteten Wissens bei, lösen Blockaden paralysierter Vorstellungswelten und eröffnen neue Möglichkeiten des Handelns.
Nam June erschien seine 1970 formulierte Idee für eine „global instant university“, mit der es dank Videotechnik möglich sein sollte, von jedem beliebigen Ort der Erde aus an jedem beliebigen anderen Ort individuelle Unterrichtsstunden zu einer Vielzahl von Themen abzuhalten, als fantastische Bildungsutopie. Heute sind Online-Fortbildungen Alltag, und der Unterricht am Bildschirm ersetzt zunehmend den Präsenzunterricht. Angesichts der Flut nur sehr bedingt zuverlässiger Informationen und qualitativ fragwürdiger Bilderströme, deren Qualität sich mit dem Grad ihrer Verbreitung im Netz immer weiter verschlechtert, stellt sich aktuell eine gewisse Übersättigung ein. Der Einfluss des Filmbildes auf die Bilderziehung – in Gestalt von Kino, TV, Video oder Dia – hat sich im Vergleich zu vergangenen Zeiten dank der digitalen Revolution, mit der alle Formen des Schreibens eine Umcodierung erfahren, vervielfacht. Angesichts dieser Datenfluten, die die einen erheblichen Teil unserer Aufmerksamkeit binden, regt der Denker Yves Citton an, eine „Ökologie der Aufmerksamkeit“ zu etablieren, die unseren Geist aus der medialen Hypnose lösen könnte.
Seit in den 2000er-Jahren der Bologna-Prozess angestoßen wurde, der „Europa zu einem international konkurrenzf higen Raum der Wissensökonomie“ machen soll, gibt es immer mehr Ausstellungen, Studientage und Publikationen, die die Berührungspunkte zwischen Kunst und Pädagogik verhandeln. 2010 tauchte der kontrovers diskutierte Begriff des educational turn, der pädagogischen Wende, in der Kunst auf, der zum einen der wachsenden Zahl an Werken zu pädagogischen Themen und zum anderen der zunehmenden Berücksichtigung pädagogischer Konzepte bei der musealen Programmgestaltung Rechnung trägt. Mit der Ausstellung Die Kunst des Lernens. Eine Schule der Kreativen finden diese Reflexionen eine Fortsetzung. So geht es darum, welche Lösungen die alternativen, libertären, radikalen und kritischen pädagogischen Konzepte nach dem Niedergang der Ideologien zur Wissensvermittlung bieten; außerdem um die Frage, welche Möglichkeiten es gibt, die aktuelle Deregulierung von Wirtschaft und Industrie durch gelebte Selbstbestimmung, gemeinschaftliches Handeln und allt gliche Praxis auszuhebeln.

Weiterhin werden in dem experimentellen Klassenzimmer, das in einem gesonderten Bereich innerhalb der Ausstellung von Designstudio smarin (Stéphanie Marin) gestaltet wurde, Angebote für Schulklassen und Weiterbildungen stattfinden.

 

Kuratorin:
Hélène Meisel, Recherchebeauftrage und Kuratorin am Centre Pompidou-Metz.

Gründungssponsor:

Logo Wendel


Mit dem Mäzenatentum von Banque Populaire Alsace Lorraine Champagne
Logo Banque Populaire Alsace Lorraine Champagne

 


Mit der Beteiligung der Freunde des Centre Pompidou-Metz.
Logo Les Amis du Centre Pompidou-Metz

 

Die Integration des Klassenzimmers in den Ausstellungsbereich wurde in Zusammenarbeit mit der Acad mie de Nancy-Metz realisiert.

Logo Acédémie de Nancy-Metz