Der Sammler Sol LeWitt. Ein Künstler und seine Künstler

AusstellungenDer Sammler Sol LeWitt. Ein Künstler und seine Künstler

Vom 18. April bis 2. September 2013

Wo?: Galerie 3
Was?: Ausstellungen
Publikum: Alle Altersklassen

Im Rahmen der Ausstellung Der Sammler Sol LeWitt. Ein Künstler und seine Künstler zeigt das Centre Pompidou-Metz rund 100 Arbeiten aus der Sammlung des amerikanischen Künstlers Sol LeWitt (1928–2007).

Sol LeWitt ist vor allem bekannt als Autor von Grundlagentexten zur Konzeptkunst sowie für seine seriellen dreidimensionalen Strukturen und seine über 1200 zwischen 1968 und 2007 entstandenen Wandzeichnungen. Doch darüber hinaus war er auch ein begeisterter Kunstsammler, und seine Sammelleidenschaft hatte gelegentlich auch Einfluss auf seine künstlerische Praxis.

LeWitts bemerkenswerte Sammlung mit ihren über 4000 Werken steht ganz in der Tradition großer Künstlersammlungen, wie etwa Arman, Robert Rauschenberg, Alfred Stieglitz oder Giorgio Vasari sie zusammentrugen. Die Mehrzahl der Werke in der LeWitt Collection gelangte durch Tausch vor allem mit jungen Kreativen, die der Amerikaner auf diese Weise unterstützte, in LeWitts Besitz.

Das Herzstück der Ausstellung bilden Werke aus Minimal Art und Konzeptkunst auf Papier, die hauptsächlich aus den 1960er- und 1970er-Jahren stammen. Um die ganze Vielfalt der Sammlung LeWitt deutlich zu machen, werden sie ergänzt durch japanische Drucke aus der Mitte des 19. Jahrhunderts sowie Gemälde der australischen Aborigines, aber auch Partituren und Aufnahmen von Werken von Johann Sebastian Bach und Steve Reich.

Abgerundet wird die Ausstellung durch Beiträge von der Künstlerin Marcelline Delbecq, die für die Signaletik zuständig zeichnet, und Sébastien Roux, der eine Reihe von unmittelbar durch LeWitts Wandzeichnungen in Galerie 2 inspirierte Klangstücke komponiert hat, die während der Ausstellung zu hören sind.

Kuratorin:
Béatrice Gross, freie Kuratorin und Kunstkritikerin, New York

Eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit der LeWitt Collection, Chester, Connecticut (USA)
und in Partnerschaft mit dem M.A.D.R.E. - Museo d'Arte Contemporanea Donna Regina, Neapel (Italien)

1928 Sol LeWitt wird in Hartford, Connecticut (CT), geboren; als Kind gilt seine Sammelleidenschaft den Briefmarken.

1951 LeWitt wird während des Koreakriegs zum Kriegsdienst eingezogen. Bei diversen Japan-Aufenthalten kauft er seine ersten Drucke aus dem 19. Jahrhundert.

1953 Umzug nach New York.

1956 Erste Begegnung mit Eva Hesse, aus der eine überaus lebendige Künstlerfreundschaft und Werkaustausche enstehen.

1960-64 Tätigkeit in der Bibliothek und am Empfang des MoMA. Dort lernt LeWitt die Künstler Dan Flavin, Robert Ryman und Robert Mangold kennen, die als Museumswärter arbeiten; erster Tausch von Werken.

1968-69 Erste Ausstellungen seiner Werke in Europa (zunächst in Deutschland, dann in Frankreich und Italien); Internationalisierung der Sammlung dank zahlreicher Begegnungen.

1976 Die inzwischen 600 Werke umfassende Sammlung geht als Dauerleihgabe an das Wadsworth Atheneum Museum of Art, Hartford, CT; die Werke werden im Rahmen von temporären Ausstellungen gezeigt (ca. 20), ab 1982 dann dauerhaft in einer speziell der Sammlung gewidmeten Galerie.

1977 Erster Aufenthalt in Australien; LeWitts Interesse für die Malerei der Aborigines erwacht.

1978 Le Witt lernt Carol Androccio kennen; sie heiraten 1982 und führen die Sammlung gemeinsam fort.

1980 Sol und Carol LeWitt siedeln ins umbrische Spoleto (Italien) über.

1981 Erste Ausstellung der Sammlung LeWitt in Middletown, CT.

1984-86 Das Wadsworth Atheneum Museum organisiert eine umfangreiche Wanderausstellung.

1988 Das Ehepaar LeWitt kehrt in die USA zurück und lässt sich in Chester, CT, nieder.

1998 Kauf eines Lagerhauses in Chester, CT, wo die Sammlung von da an aufbewahrt wird.

2001 Rund 15 Werke aus der Sammlung LeWitt sind im Rahmen einer Gruppenausstellung in der Collection Lambert in Avignon erstmals in Europa zu sehen.

2007 Tod des Künstlers. Die Sammlung LeWitt umfasst 4000 Werke von 750 Künstlern.

CAROL LEWITT

„Sol war eine Sammlernatur. Als Kind hat er Briefmarken gesammelt, und er hatte alle Viererblöcke, die zwischen den 1890er-Jahren und 1940 rausgekommen sind, wirklich alle. Während seines Militärdienstes Anfang der 1950er-Jahre fing er dann an, japanische Drucke zu sammeln. Woche für Woche nahm er seinen Sold und ging raus zum Einkaufen. […]

Sol gehörte zu den Künstlern seiner Generation, die in neuen Ideen keine Bedrohung sahen. Einer meiner Lieblingssätze von ihm ist: „Ideen gehören einem jeden, der sie versteht.“ Junge Künstler waren für Sol immer eine Inspiration, und er hat sie unterstützt, was in seiner Generation extrem selten war. Und im Gegensatz zu seinen Kollegen sammelte er auch Arbeiten von Frauen, zum Beispiel Eva Hesse, Jo Baer, Sylvia Plimack Mangold… Er hat schon mit ihnen getauscht, als noch niemand ihnen Beachtung schenkte.

Während seiner New Yorker Zeit in den 60er- und 70er-Jahren war Sol so etwas wie ein Botschafter der Kunstszene. Er drehte regelmäßig seine Runde, um bei den anderen im Atelier vorbeizuschauen. Er besuchte Eva [Hesse] und Tom [Doyle], er besuchte Bob Ryman, und er besuchte die Mangolds… Er machte seine Tour, sagte nur kurz hallo und guckte, was alle gerade so machten.

Er sah sich um und sagte dann Sachen wie: „Du solltest wirklich mal zu dem oder dem ins Atelier gehen“ oder „Das musst du ausstellen!“ In der Hinsicht hatte er großen Einfluss auf Virginia Dwan. […]

Wenn er dann später mit Händlern sprach, sagte er immer: „Was soll ich mit Geld, geben Sie mir doch stattdessen das Werk da.“ Aus Geld hat er sich wirklich nie etwas gemacht. Ihn interessierten nur Ideen und Objekte, und das machte sein Leben zu einer ziemlich faszinierenden Angelegenheit.“

im Gespräch mit Béatrice Gross (Auszug), 25. April 2011, Wohnhaus LeWitt, New York

ROBERT MANGOLD

„Ich habe Sol 1962 im Museum of Modern Art (New York) kennengelernt, und wir wurden schon bald enge Freunde. Über das MoMa kam die ganze Gruppe zusammen. Bob Ryman arbeitete dort, Flavin arbeitete dort. Jede Menge Künstler, unter anderem auch Sol, arbeiteten dort. […]

Als Künstler schaffst du ein Gesamtwerk, das einzigartig und ganz deins ist, und du machst immer weiter damit. Doch durch Sol kam noch ein weiterer Aspekt hinzu. Er meinte, wenn man eine Idee für etwas hat, dann muss man einfach anfangen, ohne sich um die Erwartungen der anderen zu scheren. Ihm ging es darum, dass man seine Gedanken und Ideen in die Tat umsetzt, und für Sol bedeutete das, für alles offen zu sein. […]

Sols Einfluss war ungemein befreiend. Er war in vielerlei Hinsicht eine Inspiration, auch weil er so ein besessener Sammler war. Dass die Sammlung so umfassend und vielseitig ist, liegt daran, dass Sol als Sammler für alles offen war, was sich in der Kunst gerade so tat.“

m Gespräch mit Béatrice Gross (Auszug), 18. November 2011, Wohnhaus der Mangolds, Washingtonville, (NY)

CHUCK CLOSE

„Ich durfte Sol LeWitt nie porträtieren. Von diesem ganzen „Künstlerkult“ hielt er überhaupt nichts. Ihm ging es nur darum, dass die Kunst bekannt wird. Er wollte sich nicht fotografieren lassen, er wollte nicht, dass irgendjemand weiß, wie er aussieht. Über diese ganze Bescheidenheit konnte man leicht vergessen, dass Sol einer der großzügigsten Künstler war, die ich je kennengelernt habe. Es ist ja allgemein bekannt, wie großzügig er gegenüber anderen Künstlern egal welcher Richtung war, von denen viele noch am Anfang ihrer Karriere standen oder schlicht übersehen wurden, und er gab bei jeder Gelegenheit und für jeden wohltätigen Zweck. Vor allem aber war er großzügig mit seiner eigenen Kunst, legte allen seine grundlegenden Konzepte offen, seine methodische Basis und ihre logische Entwicklung – sowohl innerhalb eines Werkes als auch von einem Werk zum nächsten. Er gab seine Ideen weiter, seine Begeisterung für Veränderung und seinen Glauben daran, dass, wenn man einem bestimmten Prozedere folgt, egal, wohin es führt, immer ein Werk entsteht, das selbst der Erfinder der Konzeptkunst nicht vorhersehen kann. Wir durften mit ihm auf diese scheinbar nie enden wollende Entdeckungsreise gehen und sein offensichtliches Vergnügen an Vertauschung und Veränderung teilen.“

in Susan M. Cross und Denise Markonish (Hrsg.), Sol LeWitt: 100 Views, North Adams: MassMoCA/New Haven: Yale University Press, 2009

DANIEL BUREN

„Egal, wo Sol gerade lebte, die Wände seines Ateliers waren immer von oben bis unten voll mit Kassetten. Er war ein Musikfanatiker, ganz besonders, was Klassik angeht, da war er ein exzellenter Kenner. Auch das gehört zu den Dingen, die kaum jemand weiß, doch gerade die zeigen, was für ein besonderer Mensch er war, eine in gewisser Hinsicht sehr vollständige Persönlichkeit. Bei der Arbeit nahm er jeden Morgen Musik aus dem Radio auf, ich weiß nicht mehr, von welchem New Yorker Sender. Er hat einfach alles aufgenommen, auch wenn er nie Zeit hatte, sich das alles anzuhören. Er war ein „Anhäufer“, durch und durch Sammler. […]

Sol war einer der wenigen amerikanischen Künstler, die auch bereit waren, etwas zu geben. Und er war sicherlich einer der ganz wenigen, die über das gesprochen haben, was sie sahen. Er redete über das, was er gesehen hatte. Er hat junge Künstler unterstützt, ihre Werke gekauft, ohne eine große Sache davon zu machen.“

im Gespräch mit Béatrice Gross (Auszug), 3. Februar 2011, Baden-Baden, Deutschland