Aerodream. Architektur, Design und Aufblasbare Strukturen 1950-2020

AusstellungenAerodream. Architektur, Design und Aufblasbare Strukturen 1950-2020

30. Januar 2020 bis 23. August 2021

Wo?: Galerie 2
Was?: Ausstellungen
Publikum: Alle Altersklassen

Der Mensch mag seit Ikarus vom Fliegen träumen, doch es gelang ihm erst im 18. Jahrhundert mit Hilfe von aufblasbaren Hüllen, die die Flügel ersetzen mussten. Die Geschichte der aufblasbaren Objekte, die parallel zur Geschichte der Luftfahrt verläuft, erzählt von einer organischeren Beziehung zum Fliegen. Die Hülle ist eine Metapher für die Haut, ein Schutz für einen Körper, der eine unmittelbare Nähe zur Luft zulässt. Das aufblasbare, pneumatische Objekt trägt in sich die Idee des „Pneuma“, des Atems – eine unmittelbare Beziehung zum Leben, zum Ereignis, zum Leben.

Von den ersten industriellen und militärischen Verwendungszwecken (Luftschiffe, Wetterballons, Schwimmkörper und aufblasbare Köder...) bis hin zu den Experimenten vieler Künstler, Designer und Architekten verdeutlicht die Ausstellung diese menschliche Dimension des „Pneumatischen“.

Mitte des 20. Jahrhunderts vervielfachte das Aufkommen neuer Materialien (Gummi und Derivate, Kunststoffe, Gewebe usw.) die Einsatz- und Anwendungsmöglichkeiten von aufblasbaren Strukturen.
Den von Richard Buckminster Fuller angestoßenen „realisierten Utopien“ folgend, tragen zahlreiche Architekten, darunter Victor Lundy, Walter Bird, Frei Otto, Gernot Minke, Cedric Price und Arthur Quarmby, dazu bei, dem aufblasbaren Objekt auch zu einer architektonischen Glaubwürdigkeit zu verhelfen. Im Mai 1967 fand in Stuttgart ein denkwürdiges Symposium zu diesem Thema statt, das zu einer Referenz für Kollektive wie Archigram, Ant Farm und die Eventstructure Research Group wurde, die an einer neuen mobilen und modularen Architektur arbeiteten, und das auch Künstler aus aller Welt, etwa Graham Stevens oder Panamarenko, Architekten (Jean Aubert, Jean-Paul Jungmann, Antoine Stinco, Hans Walter Muller, Johanne und Gernot Nalbach sowie Günther Domenig und Eilfried Huth) beeinflusste. Den eigentlichen internationalen Durchbruch und den Einzug in die öffentliche Wahrnehmung schaffte das aufblasbare Objekt jedoch erst mit einigen legendären Ausstellungen, darunter die Ausstellung „Structures gonflables“ im Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris im Jahr 1968, den Pavillons der Weltausstellung in Osaka 1970 (darunter der Pavillon von Yutaka Murata) und schließlich der Documenta V in Kassel 1972, bei der Künstler und Architekten wie Christo, Hans Hollein, Haus-Rucker-Co, Coop Himmelb(l)au mit ihren Werken den öffentlichen Raum einnahmen.

Von da an wurde das aufblasbare Objekt zu einer Vielzahl von Möbeln, Unterkünften und Strukturen. Die vermehrt verfügbaren Kunststoffpolymere trugen zu einem einzigartigen Aufblühen von Kreationen, Formen und Farben bei. Das Mobiliar von Bernard Quentin, A.J.S. Aérolande, Quasar, De Pas, d’Urbino und Lomazzi begleitete die Bilderwelt der Pop-Art und ließ eine „Verspieltheit“ in Szenerien und Anwendungen Einzug halten.

Bald nahm sich die ökologische Debatte des Kunststoffs an, gegen den und andere Erdölprodukte damals noch kein Verdachtsmoment vorlag. Vielmehr wurde die aufblasbare Architektur als „Architektur der Luft“ wahrgenommen, die sich der endgültigen und unumkehrbaren Verankerung in Zeit und Raum entzieht und ohne Fundament und schweren Materialien auskommt. So setzte sich in England der Künstler Graham Stevens dafür ein, der Verwendung von pneumatischen Strukturen eine ökologische Dimension zu verleihen.

Sie erwarb auch eine kritische und politische Funktion. Seine Unbeständigkeit verleiht dem aufblasbaren Objekt darüber hinaus eine zeitlose Dimension – die des Ereignisses, der Handlung, der Teilnahme. Dass es das Instrument einer Intervention ist, entgeht weder Künstlern wie den Mitgliedern von Gruppo N, Piero Manzoni, Yves Klein, Hans Haacke, Otto Piene, Marinus Boezem, Lars Englund und Andy Warhol, noch Architekten wie UFO, Utopie oder den Gründern der Wiener Szene, die es zum Instrument einer kritischen Alternative machen. Als sichtbares Zeichen der die junge Generation umtreibenden Protestbewegung dienen die aufblasbaren Objekte als Prisma für eine neue Betrachtung der uns umgebenden Welt (wie etwa die Urboeffimeri von UFO) und neue Formen des Zusammenlebens (Instant City, Ibiza, 1971). Das aufblasbare Objekt wird daher von der Gruppe A.J.S. Aérolande, bestehend aus Jean Aubert, Jean-Paul Jungmann und Antoine Stinco, dazu genutzt, den Wettbewerb Prix de Rome am Vorabend von Mai 68 in Frage zu stellen und eine neue, modulierbare, festliche und unentwegt veränderbare Art des Bauens vorzuschlagen.

Nach der Ölkrise Ende der 1970er Jahre, die das Ende des sorglosen Umgangs mit Kunststoff einläutete, verschwand das Aufblasbare, das von der Postmoderne in Misskredit gebracht wurde, allmählich aus dem Blickfeld. Mit dem Aufkommen neuer und umweltfreundlicherer Technologien geht es seit knapp einem Jahrzehnt wieder aufwärts mit dem aufblasbaren Objekt, das in den Augen vieler Architekten (Diller Scofidio + Renfro, Nicholas Grimshaw, Arata Isozaki, Herzog & de Meuron, Snøhetta…) eine Alternative verkörpert. Mit dem Aufblasbaren können räumliche Möglichkeiten neu sondiert und neuartige perzeptive und kognitive Erfahrungen ermöglicht werden. Die jüngst in Erscheinung getretenen organischen Textilien lassen auf Entwicklungen der Forschung hoffen, durch die das Aufblasbare der Architektur und dem Design neue Möglichkeiten eröffnet und neue Prinzipien des Bauens in die Wege leitet, wie unter anderem die Experimente von Achim Menges, amid.cero9, Kengo Kuma, Mad Architects Zero und Selgascano zeigen.

Kuratoren: Frédéric Migayrou, stellvertretender Direktor des Musée National d’Art Moderne – Centre de création industrielle, Centre Pompidou, und Valentina Moimas, Kuratorin in der Architekturabteilung des Musée National d’Art Moderne – Centre de création industrielle, Centre Pompidou.