Unendlicher Garten. Von Giverny bis Amazonien

AusstellungenUnendlicher Garten. Von Giverny bis Amazonien

Vom 18. März bis 28. August 2017

Wo?: Galerie 2 , Galerie 3
Was?: Ausstellungen
Publikum: Alle Altersklassen

Mit dem Einbruch der Moderne und der zunehmenden Verdrängung der Pflanzenwelt auf rein funktionsorientierte Grünflächen hatte man den Garten totgeglaubt. Und doch blieb er im gesamten 20. Jahrhundert ein beliebter Inspirationsquell und ist auch heute noch für einige Künstler von großer Anziehungskraft. Vom Garten geht eine bemerkenswerte Faszination aus – und das nicht nur, weil er uns spendet, was nährt und heilt, und außerdem dekorativ aussieht, sondern auch wegen seines subversiven Potenzials. Bei dieser Ausstellung geht es nicht um den Garten als wohlgeordneten, eingezäunten Bereich, sondern um den Garten als einen Ort persönlicher Leidenschaften, der sich nicht fassen lässt, zügellos und unkontrollierbar ist. Gleichzeitig Ort von Widerstand und Insubordination, erlesenster Verfeinerung und überbordender Fülle, gerät er hier zum biologischen, ethischen und politischen Labor. Kunstströmungen und Positionen, die der Vernunft den Rücken kehrten – wie Manierismus, Dekadenz oder Surrealismus –, machten den Garten zu einem Ort des Disparaten, jenseits der Norm. Die im Wesentlichen zeitgenössischen Werke in dieser Ausstellung zeigen den Garten als experimentellen, undurchschaubaren, chaotischen und unberechenbaren Raum.

Mit der Ausstellung nimmt das Centre Pompidou-Metz diese Natur unter dem Aspekt eines metaphorischen Frühlings in den Blick. Der natürliche Zyklus aus Keimen, Blüte und Vergehen als Abbild des Weltgeschehens: Der Winter birgt das Versprechen kommender Revolutionen und damit einen Willen zum Leben, den viele Künstler zum Gegenstand ihrer Arbeiten machen. Um 1912 feiert František Kupka in seiner Abhandlung „Die Schöpfung in der bildenden Kunst“ ein „Fest des Blütenstaubs in einem sonnenverwöhnten Stempel“ und verleiht dieser Vereinigung künstlerisch Ausdruck in der organischen Dynamik seines Werkes Printemps cosmique (1913–1914). Mit seiner riesigen Formenvielfalt inspiriert der Garten die Künstlerschaft ihrerseits zu fantastischen Formen und Metamorphosen, die von der Intelligenz der nicht-menschlichen Welt zeugen. Entdeckungsreisen führen die Menschen in jungfräuliche Territorien jenseits der bekannten Natur, die eine Flut neuer Formen und Motive bergen. So nehmen bei Dominique Gonzalez-Foerster fantastische Vorstellungen einer exotischen Natur in einem tropischen Diorama Gestalt an, das leichsam wuchernder Garten und Bibliothek ist. Ähnlicher Natur sind ihre Installationen, die durch illusionistische Bühnenbilder des 19. Jahrhunderts inspiriert sind. Der Brasilianer Ernesto Neto wiederum bespielt das Forum des Centre Pompidou-Metz mit der monumentalen Skulptur Leviathan-main-toth (2005), deren Netze eine organische Landschaft in Gebäudegröße bilden.

Der Garten ist auch Ort genetischer Mutationen, mit denen sich Gegebenes wandelt und zur Evolution beiträgt. So verewigt Émile Gallé in seinen gläsernen Herbarien eine göttliche Flora, wobei seine ganze Begeisterung den – faszinierenden oder irritierenden – Deformierungen von Orchideen gilt. Zur gleichen Zeit widmet Claude Monet sich der Züchtung von Hybriden und beschafft sich Pflanzen aus den entlegensten Winkeln der Welt, was ihm den Zorn der örtlichen Bauernschaft einbringt, die fürchtet, die exotischen Blumen könnten giftig sein. Rund hundert Jahre später schafft Pierre Huyghe mit seinen klimatisierten Aquarien „Giverny in konzentrierter Form“. Das Phänomen der Akklimatisierung weckt nicht nur die Neugier der Naturforscher, sondern ist auch Gegenstand einer „Botanik der Macht“, die auf die Kolonisierung und anschließende Auslöschung von „Pflanzenepidemien“ abzielt. Yto Barrada, Thu Van Tran oder Simon Starling befassen sich mit dem problematischen Nebeneinander von einheimischen Pflanzen und Neophyten. Jenseits aller Exotik zu verorten sind die tropischen und biomorphen alternativen Formen von Roberto Burle-Marx und Lina Bo Bardi in Lateinamerika und Brasilien, die den Funktionalismus der europäischen Moderne aufleben lassen.

In Zeiten intensiver Mischung, Kreuzung und Migration in der Pflanzenwelt und damit einer sich beständig neu konfigurierenden Biodiversität gilt es die ursprüngliche – ob materielle oder konzeptuelle – Umschließung des Gartens neu zu denken. Mit der Ausstellung wächst der Garten über sich selbst hinaus, und der dialektische Widerspruch, den Michel Foucault in seinem Vortrag Andere Räume mit seiner heterotopischen Definition des Gartens als „kleinste Parzelle der Welt“ und gleichzeitig „Totalität der Welt“ formulierte, wird weiter gedacht. Anlässlich des Kolloquiums Repenser les limites : l’architecture à travers l’espace, le temps et les disciplines [Grenzen neu denken: Architektur in Raum, Zeit und Disziplinen] am französischen Institut national d’histoire de l’art (INHA) 2005 postulierten die Gartenhistoriker Monique Mosser und Hervé Brunon, dass die Umfassung in der Gegenwart als gleichzeitig offenes, gegenständliches und lebendiges System zu begreifen sei. So mündet die Abschaffung von Grenzen in eine unablässige Suche, die bereits im 16. Jahrhundert im Traum des Poliphilo Thema ist, wo der Garten als Ort der Erkenntnissuche und Initiation par excellence sich endlos in weitere Gärten öffnet.

Für die organische, Erde und Sonne zugewandte Szenografie für Unendlicher Garten zeichnet Daniel Steegmann Mangrané zuständig. Die Gestaltung des Rundgangs lädt den Besucher ein, sich seinen Weg durch die raumgreifenden, an Lustschlösser und kleine Wäldchen erinnernden Installationen zu suchen und die Ausstellung mit den staunenden Augen eines Gärtners zu erkunden.

Gedacht als Territorium ohne Grenzen, erstreckt sich die Ausstellung in Gestalt diverser Gärten, die von den Künstlern Peter Hutchinson, François Martig et Loïs Weinberger konzipiert wurden, bis in die Stadt Metz. Begleitend zur Ausstellung erscheinen ein von der Grafikerin Fanette Mellier gestalteter Katalog sowie eine Anthologie mit Texten verschiedener Künstler zum Thema Garten, die erster Band einer neuen, vom Centre Pompidou-Metz herausgegebenen Reihe ist.

Kuratorinnen:
Emma Lavigne, Direktorin, Centre Pompidou-Metz
Hélène Meisel, Kuratorin, Centre Pompidou-Metz

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