Leuchttürme

AusstellungenLeuchttürme

Bis 15. Februar 2016

Wo?: Grande Nef
Was?: Ausstellungen
Publikum: Alle Altersklassen

Dies alles, Fluch und Lästerung und Sünden,
Verzückungsschrei, Gebet und Todesschmerz
Ist Widerhall aus tausend dunklen Gründen,
Berauschend Gift für unser sterblich Herz.

Ein Schrei ist's, der da gellt in tausend Stürmen,
Die Losung, die von tausend Lippen schallt,
Leuchtfeuer, das da flammt von tausend Türmen,
Des Jägers Ruf, der durch die Wildnis hallt.

Charles Baudelaire, „Die Leuchttürme“ (Auszug), Die Blumen des Bösen, 1857 (Übersetzung: Terese Robinson, 1925)

Die Ausstellung Leuchttürme basiert ausschließlich auf Leihgaben des Centre Pompidou/Musée national d’art moderne. Zu sehen ist eine Auswahl an Meisterwerken, die aufgrund ihrer monumentalen Größe nur selten in der Öffentlichkeit gezeigt werden.

Unter Verzicht auf eine chronologische Präsentation werden die bedeutendsten Strömungen der Kunstgeschichte seit Beginn des 20. Jahrhunderts dargestellt. Vertreten sind unter anderem Werke von Pablo Picasso, Anish Kapoor, Sam Francis, Joseph Beuys und Dan Flavin.

Begleitend zur Ausstellung erscheint eine für Sommer 2014 geplante Publikation.

Kuratorinnen:
Claire Garnier, Ausstellungskuratorin, persönliche Referentin des Direktors, Centre Pompidou-Metz.
Claire Garnier war Co-Kuratorin der Ausstellungen 1917 und Parade (Centre Pompidou-Metz, 2012).

Élodie Stroecken, Ausstellungskuratorin, Koordinatorin im Bereich Programmgestaltung, Centre Pompidou-Metz.
Élodie Stroecken wird als Co-Kuratorin an der Ausstellung Tania Mouraud mitwirken (Centre Pompidou-Metz, 2015).

Begleitend zu der insgesamt auf zwei Jahre angelegten Ausstellung gibt es ein kulturelles Rahmenprogramm mit wechselnden Themenschwerpunkten. 2014 wird es nacheinander um Geste, Licht und Schatten, Gegenständlichkeit und Abstraktion gehen.

AUSSTELLUNGSVERMITTLUNG

LEGENDEN FÜR KINDER
Im Rahmen der Ausstellungsvermittlung wird es neben den üblichen Legenden zu den Werken auch Legenden speziell für unsere jungen Besucher geben, die leicht identifizier- und lesbar sind und in Form und Inhalt den Bedürfnissen der jungen Kunstfreunde entgegenkommen. Sie sollen es auch Kindern ermöglichen, aktiv am Besuch der Ausstellung Leuchttürme teilzuhaben und die Werke sinnlich und spielerisch für sich zu entdecken. Dazu tragen unter anderem kurze Geschichten, Frage- und Antwortspiele, Rätsel oder auch kleine Experimente bei.


THEMATISCHE FÜHRUNGEN
Dem Prinzip der samstäglichen „regelmäßigen Führungen“ des Centre Pompidou-Metz folgend, wird es auch zur Ausstellung Leuchttürme einstündige thematische Führungen unter Leitung eines/einer KunstmittlerIn geben.

DOKUMENTARMATERIAL
Ab Juni 2014 wird eine umfangreiche Auswahl an dokumentarischem Material aus Fotografien, Archivvideos, Statements und Künstlerzitaten die ausführlichen Legenden ersetzen, um den Besuchern eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Werken zu ermöglichen.

 


DARSTELLENDE KÜNSTE

Ergänzend zu dem umfangreichen didaktischen Material zur Ausstellung wird die monumentale Grande Nef ab Herbst 2014 mit einem Kulturprogramm mit diversen Aufführungen und Veranstaltungen bespielt.

Dabei werden die Aufführungen auf die Themenschwerpunkte des kulturellen Rahmenprogramms abgestimmt sein. Zu erwarten sind Veranstaltungshighlights mit engem Bezug zu den angesprochenen Fragestellungen – und das mitten in der Ausstellung: Geplant sind Vorträge, Performances, Tanzaufführungen u.v.m.

Die Künstler sind eingeladen, ihre Werke in der Grande Nef zur Aufführung zu bringen, um so in der direkten Konfrontation mit dem Publikum für allerlei Überraschungen zu sorgen.

Die folgenden Legenden entsprechen der Reihenfolge, in der die Werke in der Ausstellung präsentiert werden.

Joan Miró (1893-1983)
Menschen und Vögel in der Nacht [Personnages et oiseaux dans la nuit], 1974
Öl auf Leinwand

Dieses Monumentalgemälde wurde gleich in seinem Entstehungsjahr anlässlich einer Retrospektive gezeigt, die Joan Miró 1974 im Pariser Grand Palais gewidmet wurde. Der katalanische Maler beschloss, in dieser Ausstellung seine jüngsten Arbeiten neben seinen historischen Werken zu präsentieren. Als reifer Künstler stellte er sich so auf dem Höhepunkt seines Schaffens umfassend der Öffentlichkeit. In Menschen und Vögel in der Nacht entfaltet er seine Bildsprache meisterhaft. Seinem Universum treu, schafft Miró neuartige Kompositionen mit schier unendlich wirkenden und immer wieder überraschend kombinierten Zeichenkonstellationen. In ihrem Streben nach einem ausgewogenen Bildaufbau zeigen Mirós Werke, in denen Farben und Zeichen harmonisch aufeinander antworten, eine „kompensatorische“ Anlage. Ein typisches Element seiner Bildgestaltung ist das in den Bildraum drängende Schwarz, das dem Werk eine rätselhafte Atmosphäre verleiht. Die anschließend aufgetragene Farbe kommuniziert ihrerseits mit dem Rhythmus der dunklen Zeichnung.

Yan Pei-Ming (geb. 1960)
Überlebender [Survivants], 2000
Öl auf Leinwand
Polyptychon (7 Bildtafeln)

Der aus China stammende und heute in Frankreich lebende Künstler Yan Pei-Ming erlangte internationale Berühmtheit mit seiner Erneuerung des Porträts, das den normalerweise mit dem Genre assoziierten Kriterien von Ähnlichkeit und Identifikation widerspricht. Das ungewöhnliche Format, das auf seine ersten Monumentalwerke im Stil der maoistischen Propaganda zurückgeht, lässt den Betrachter in die Gesichter wie in eine Landschaft eindringen. Um die Universalität der Menschlichkeit zum Ausdruck zu bringen, ist sein bevorzugtes Medium die Malerei, die „minimale Mittel für eine maximale Wirkung“ erfordert. Sein lebhafter und spontaner Pinselstrich sowie die durch die Bichromie akzentuierten Gesichtszüge kontrastieren mit der differenzierten realistischen Wiedergabe. Die Zäsuren, die in diese Porträtreihe Einschnitte setzen, eröffnen ihrerseits der Fantasie des Betrachters einen Freiraum. Die sieben Bildtafeln, deren Titel auf die Überlegungen des Künstlers zum Leben nach dem Tod anspielt, wurden 2000 für die Ausstellung Épiphanies im Centre d’art sacré in Evry in Auftrag gegeben.

Joseph Beuys (1921-1986)
Infiltration homogen für Konzertflügel [Infiltration homogène pour piano à queue], 1966
Klavier, Filz, Stoff

Die Haut [La Peau], 1984
Filz, Stoff

1962 näherte sich Joseph Beuys, damals Professor für monumentale Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf, den Hauptvertretern der Fluxus-Bewegung und veranstaltete mit ihnen verschiedene Aktionen: Infiltration homogen für Konzertflügel ist eine von ihnen. Beuys inszeniert sie im Juli 1966 anlässlich eines Konzertes von Nam June Paik und Charlotte Moorman. Er lässt einen großen Konzertflügel in den Saal bringen, der vollständig mit Filz überzogen ist: ein Isoliermaterial, das in seinem Leben und in seinem künstlerischen Schaffen einen hohen Symbolgehalt hat. Der Untertitel seines Werks, Der größte Komponist der Gegenwart ist das Contergankind, spielt auf einen der aufsehnerregendsten Medikamentenskandale in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts an und stellt insofern ein bezeichnendes Beispiel für die „soziale Skulptur“ dar, die Beuys später entwickeln sollte. Contergan wurde ab den 1950er-Jahren schwangeren Frauen verschrieben und führte zu zahlreichen Missbildungen bei Neugeborenen. Die zwei roten Kreuze, die als Notzeichen das Klavier flankieren, werden sowohl visuell als auch in ihrer Funktion von der dicken grauen Filzhaut behindert und stehen stellvertretend für die zum Schweigen verurteilten Kinder und Familien.
Der Künstler hat gleich zweimal, 1976 und 1984, eigenhändig die empfindliche Umhüllung repariert. Nach der zweiten Restaurierungsphase beschloss er, Die Haut neben dem Flügel auszustellen, um die Idee der vergehenden Zeit und ihrer Wirkung auf das Leben der Werke zu unterstreichen.

Julio Le Parc (geb. 1928)
Déplacement du spectateur n°1 [Bewegung des Betrachters Nr. 1], 1965/2013
Metall, Sperrholz, bemaltes Holz, Dibond

Julio Le Parc - Vorreiter der Kinetischen Kunst und der Op-Art, zusammen mit Yvaral und François Morellet 1963 Gründungsmitglied des GRAV (Groupe de recherche d'art visuel) - schafft interaktive Werke, die den Zuschauer zum Mitmachen une Eintauchen auffordern. Es ist ihm ein Anliegen, „ein anderes Verhalten des Zuschauers zu bewirken (...), um gemeinsam mit dem Publikumein Mittel zu finden, um Passivität, Abhängigkeit oder ideologische Determinierung zu bekämpfen une die Fähigkeiten zum Nachdenken, Vergleichen, Analysieren, zur schöpferischen Tätigkeit une zum Agieren zu entwickeln“. Das Werk Julio Le Parcs umfasst verschiedene, größtenteils interaktive Serien. Bewegung des Betrachters Nr. 1, im Rahmen seiner monografischen Schau 2013 im Palais de Tokyo entstanden, ist eine Variante der Arbeit Virtuelle Kreise durch Bewegungen des Betrachters, die bereits 1965 entstand une dem Centre Cultrel Général San Martín in Buenos Aires gehört. Sie stammt aus der Werkreihe Reliefs mit Bewegungen des Betrachters, die der Künstler 1962-1963 begann. Es handelt sich hier um die Abwandlung eines einfachen Motivs, das sich verformt une optische Effekte erzugt, wenn der Zuschauer sich vor ihm bewegt: Der Betrachter spielt eine entscheindende Rolle bei der Aktivierung dieses sich ständing wandelnden Werks.

Simon Hantaï (1922-2008)
Tabula, 1974
Acrylfarbe auf Leinwand

Ab 1960 erprobt Simon Hantaï eine neue Technik, indem er die Leinwand erst zerknüllt und sie dann mit Farbe bedeckt, bevor er sie wieder auffaltet. Der ungarische Maler, der seit 1948 in Paris lebt, bereichert seinen Ansatz so um ein Zufallsprinzip und schafft „mit geschlossenen Augen“. Seine Geste offenbart sich nun erst beim Auffalten der Leinwand, sodass die Malerei gewissermaßen selbst an ihrer Entstehung beteiligt ist. Die reine und minimalistische Abstraktion von Tabula, das der letzten Werkreihe Hantaïs angehört, findet ihr Pendant in der geometrischen Obsession einer Kindheitserinnerung: Die Karos spielen auf die Schürze der Mutter des Künstlers an. Hantaïs Technik gibt gleichfalls einem poetischen Motiv Raum, das der Künstler selbst als „Sternenform“ bezeichnet, und das je nach der für das Werk aufgewendeten Energie mehr oder weniger sichtbar ist. Die den Faltprozess veranschaulichenden aufeinandertreffenden Bildecken verleihen der Leinwand einen eigenen choreografischen Rhythmus, der von den mit den bemalten Zonen kontrastierenden lichten weißen Stellen unterstrichen wird.

Robert Delaunay (1885-1941)
Wandgestaltung für den Eisenbahnpavillon [Entrée du Hall des réseaux du palais des Chemins de fer], 1937
4 bemalte Reliefs auf Holz

Dieses Werk entstand für die Pariser Weltausstellung von 1937. Nachdem er die Grenzen der Staffeleimalerei ausgereizt hatte, entdeckte Robert Delaunay das monumentale Format der Wandmalerei. Durch ihre eindrucksvollen Dimensionen und dank des öffentlichen Ausstellungsortes waren sie weithin sichtbar und erfüllten den gesellschaftlichen Anspruch, den der Maler an die Kunst stellte. Die vier dekorativen Wandflächen veranschaulichen auch Delaunays Absicht, die schöpferischen Anstöße von Architektur und Malerei in einer harmonischen Synthese der Künste zu verbinden und sich dem Gesamtkunstwerk anzunähern. Die synthetische Ikonographie des Eisenbahnverkehrs steht im Mittelpunkt dieses Reliefensembles, das die für den Künstler charakteristischen farbigen Scheiben und abstrakten Rhythmen zeigt. Die von den geometrischen Formen suggerierte schraubenförmige Bewegung würdigt nicht zuletzt den technologischen Fortschritt, den Paris als zugleich geschichtsträchtige und die Moderne symbolisierende Stadt verkörpert.

Pablo Picasso (1881-1973)
Bühnenvorhang für das Ballett Mercure [Rideau de scène pour le ballet Mercure], 1924
Leimfarbe auf Leinwand

Nachdem er bereits an der Gestaltung für Sergei Djagilews Ballets Russes, namentlich an Parade (1917), beteiligt war, schuf Picasso auch die Bühnenbilder und Kostüme für das Ballett Mercure. Die Musik wurde von Erik Satie komponiert, Thema und Choreografie stammten von dem damals bereits von Djagilew getrennt lebenden Léonide Massine. Das Ballett wurde am 15. Juni 1924 im Théâtre de la Cigale im Rahmen der „Soirées de Paris“, einer vom Grafen Étienne de Beaumont organisierten privaten Veranstaltungsreihe, uraufgeführt.
Mercure besteht aus einer Abfolge burlesker Szenen in drei Bildern, die eher aus der Pantomime als aus dem Tanz schöpfen: Nicht von ungefähr trug das Ballett den Untertitel Plastische Posen. Die parodierenden Abenteuer des mit den Menschen konfrontierten Gottes Merkur wurden von Massine in einem freien, jahrmarktähnlichen Stil in Szene gesetzt. Die zeitgenössische Kritik stellte Picassos Beitrag übrigens deutlich über die Anteile Saties und Massines. Auf dem Bühnenvorhang stellt Picasso mit Pierrot und Harlekin zwei in seinem Werk leitmotivartig wiederkehrende Figuren der commedia dell’arte dar.

Fernand Léger (1881-1955)
Komposition mit zwei Papageien [Composition aux deux perroquets], 1935-1939
Öl auf Leinwand

Bei seinen Vorstudien zu Komposition mit zwei Papageien sucht Fernand Léger nach einem Element, das in den Händen seiner Figuren für eine ausgewogene Komposition sorgt. Das Gesetz der Kontraste, das er zu veranschaulichen versucht, wird durch die farbenprächtigen Vögel illustriert, die eine mit den dominanten dunklen Tönen kontrastierende farbige Insel bilden. Ebenso setzen sich die frontal dargestellten Figuren von den geometrischen oder organischen Formen ab, und die imposanten menschlichen Figuren kontrastieren mit der paradoxen Leichtigkeit des Bildgrundes. Die konstitutiven Bildelemente – Figuren, Papageien und Wolken – werden je nach ihren visuellen Eigenschaften kombiniert. Reine Farbflächen werden beispielweise von schwarzen Linien und zeichnerisch akzentuierten Formen begrenzt. Dieses großformatige Werk zählt zu den von Léger bevorzugten Monumentalformaten: Es war ihm ein Anliegen, dass sein „Bild den Raum bestimmt“. Komposition mit zwei Papageien wurde während des Zweiten Weltkriegs in verschiedenen amerikanischen Städten ausgestellt, bevor der Künstler das Werk 1950 dem Pariser Musée national d’art moderne schenkte.

Louise Nevelson (1899-1988)
Spiegelungen eines Wasserfalls I [Reflexions of a Waterfall I], 1982
Bemaltes Holz, Spiegel

Louise Nevelson, in Russland geboren, emigrierte 1905 in die Vereinigten Staaten. Die übereinander gestapelten Holzstücke erinnern zugleich an die in ihrer Jugend prägenden kubistischen Volumen und an die Architektur ihrer New Yorker Wahlheimat. Unter dem Einfluss einer Reise nach Mexiko im Jahr 1950, auf der sie mit geometrischen Tempelfassaden und Wandmalereien in Berührung kommt, widmet sich die Künstlerin einer Reihe von Monumentalplastiken aus vertikal übereinander gestapelten rechteckigen Dosen. Ihre Arbeiten basieren auf recycelten Holzstücken, die schwarz bemalt sind: Die Farbe Schwarz „enthält alle anderen Farben“ und gleicht die unterschiedlichen Fragmente einander an. Sie vereinheitlicht das in einen architektonischen Kontext eingebettete Werk und schafft eine den Besucher hypnotisierende Atmosphäre. Die über das Werk verteilten Spiegel schließlich ermöglichen das Spiel mit Schatten und Lichtreflexen und verstärken die Illusion eines Wasserfalls.

Claude Viallat (geb. 1936)
Orangefarben, hellblaue Formen [Orangé, formes bleu clair], 1970
Farbstoffe und Acrylharz auf Leinwand

Claude Viallat war einer der Hauptvertreter der Künstlergruppe Supports/Surfaces, die in der französischen Avantgarde der 1970er-Jahre eine wichtige Rolle spielte. Ab 1966 feilte er systematisch an einer Technik, die künftig sein „Markenzeichen“ werden sollte. Während die französische Kunstszene von der École de Paris, den Nouveaux Réalistes und der Figuration Narrative dominiert wurde, wendete sich Viallat zunehmend gegen die klassische Malerei. Er dekonstruierte sie gewissermaßen, indem er ihre Grundlagen – Farbe, Pinsel, Rahmen, Staffelei oder aufgespannte Leinwand - hinterfragte. Dadurch entstand Platz für eine Form des Verlernens und eine umfassende Infragestellung der Technik an sich. Viallat findet im Prinzip des Systems einen stimulierenden äußeren Zwang und erfindet die für ihn charakteristische Form, die er zuerst mit einer Schaumstoffplatte und dann mit einer Kartonschablone auf die Leinwand überträgt. Sie ist „weder gegenständlich, noch organisch, geometrisch oder symbolisch“, lässt sich also nicht mit bestimmten Vorstellungswelten assoziieren.

Frank Stella (geb. 1936)
Polombe, 1994
Acrylfarbe auf Leinwand

Als Vertreter des amerikanischen Minimalismus trat Frank Stella in den 1960er-Jahren für eine umfassende Radikalität im Umgang mit der Malerei ein. Er konzipierte großformatige Werke, die sogenannten Shaped Canvases (geformte Leinwände), in denen das geometrische Motiv die Bildform bestimmt. Sein Schaffen erfuhr in den 1970er-Jahren einen entscheidenden Stilwechsel: Er bereicherte seine sich zunehmend der Skulptur annähernde Malerei durch kurvige Formen und Metallreliefs. In den 1990er-Jahren leitet er mit der Reihe Imaginary Places (Fantasieorte), der auch Polombe angehört, eine neue Phase ein. Dieses für seine immer komplexere Formensprache bezeichnende Werk zeigt ein Geflecht aus unterschiedlichsten Formen, hinter denen sich persönliche Referenzen verbergen. Ihre computertechnische Bearbeitung lässt sich an der Vektorisierung mancher Elemente ablesen, die sich noch im Entwurfsstadium befinden. Viele seiner Werke beziehen ihre Inspiration aus der klassischen Literatur oder aus der Geschichte. Der Titel Polombe, der auf eine Fantasiestadt anspielt, stammt aus einem Abenteuerroman des 14. Jahrhunderts, Les Voyages de Sir John Mandeville, chevalier (dt. Reisen des Ritters John Mandeville).


Pierre Soulages (geb. 1919)
Gemälde 202 x 453 cm, 29. Juni 1979 [Peinture 202 x 453 cm, 29 juin 1979], 1979
Öl auf Leinwand (Diptychon)

Schon als Kind zeichnete Pierre Soulages eine Schneelandschaft mit schwarzer Tusche, die sich vom weißen Papier abhob. Er sollte künftig dem Schwarz treu bleiben und unermüdlich versuchen, dessen unendlichen Variations- und Intensitätsmöglichkeiten auszuschöpfen. Jede Arbeit gehört einem übergeordneten Ensemble an und unterstreicht ihre Zeitlichkeit mit ihrem Titel, der über Format und Entstehungsdatum Auskunft gibt. Seine als Objekte aufgefassten Gemälde ergründen die Materialität des Mediums, ohne auf den Gemütszustand des Künstlers oder mögliche Interpretationen Wert zu legen. Anlässlich der 1979 im Centre Pompidou gezeigten Ausstellung Soulages, peintures récentes stellt er dem Publikum seine ersten Outrenoir-Bilder vor: Diese vom Künstler selbst ab den 1990er-Jahren verwendete Bezeichnung beschreibt „einen 'anderen' Raum vor dem Bild“. Gemälde 202 x 453 cm, 29. Juni 1979 gehört zu diesem Bildensemble, das in seinem Werk einen Neuansatz darstellt. Das Schwarz, nach Soulages „Farbe des Lichts“, wird durch das aktive Schauen des Betrachters überhöht, der durch seine Standortwechsel jeweils eine andere Wahrnehmung der Farbpigmente bewirkt.

Jean Degottex (1918-1988)
Achtung II [Aware II], 28.3.1961, 1961
Öl auf Leinwand

Während eines Aufenthalts in Portsall (Finistère) im Sommer 1954 malt Jean Degottex die bretonische Küste nach der Natur. Der autodidaktische Künstler verzichtet fortan auf jede darstellende Absicht, die Landschaft fungiert nurmehr als meditativer Vorwand. André Breton vermittelt ihm zur selben Zeit seine Begeisterung für die orientalische Kultur. Unter dem Einfluss der japanischen und chinesischen Kalligrafie entwickelt Degottex einen lebhaften, energischen Federstrich, den der Betrachter an den Kurven seiner Zeichen nachvollziehen kann. Zum ersten Mal arbeitet der Künstler hier auf einer großformatigen Leinwand, in der sich sein umfassender Einsatz von Körper und Geist ausdrückt. Der Werktitel spielt auf den „Furyū“ an, der die wesentlichen Erziehungsgrundsätze des Zen-Buddhismus zu Eleganz, Feinsinn und Schönheit versammelt. Zu den vier Leitideen gehört auch die tiefempfundene Achtung (Aware) vor den vergänglichen Dingen.

Pierre Alechinsky (gob. 1927)
Die vergessene Welt [Le Monde perdu], 1959
Öl auf Leinwand

Zwischen 1949 und 1951 aktives Mitglied der Künstlergruppe CoBrA (aus den Anfangsbuchstaben der Städte Copenhagen, Brüssel, Amsterdam), beschäftigt sich Alechinsky anschließend mit der chinesischen Malkunst. Der Künstler arbeitet nicht mehr mit der Staffelei, sondern legt seine Leinwand flach auf den Boden. In dieser neuen Haltung kann sich sein Körper besser entfalten, auch sein Pinselstrich wird freier. Auf seiner einzigen Reise nach Japan 1955 entdeckt Alechinsky die Zen-Philosophie und die Kalligrafie. Seitdem überträgt er diese Maltechnik mit Tusche oder Acrylfarben in seine Arbeiten, in Spritzern oder schnellen Strichen. Die in diesem zarten, fast papierartigen Leinwandbild verwendete Technik greift auf die geschmeidige, weit ausholende und schnelle Geste der Kalligrafie zurück. Arabesken ranken sich um das Fenster in der Mitte des Bildaufbaus. Nicht zuletzt wird die literarische Affinität dieses „schreibenden Malers“ im Werktitel deutlich, der sich auf den berühmten Abenteuerroman Arthur Conan Doyles, Die vergessene Welt, bezieht.

Sam Francis (1923-1994)
In lieblicher Bläue (Nr. 1) [In Lovely Blueness (No. 1)], 1955-1957
Öl auf Leinwand

Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielten viele ehemalige amerikanische GIs Stipendien, denen zahlreiche Studenten eine Ausbildung bei französischen Künstlern jenseits des Atlantiks verdankten. Auf diesem Weg gelangte auch Sam Francis 1950 nach Paris, wo gerade die Lyrische Abstraktion und das Informel dominierten. Im Laufe der 1950er-Jahre bildete sich um den Kunstkritiker und Matisse-Schwiegersohn Georges Duthuit eine Künstlergruppe, zu der auch Sam Francis gehörte. Er schuf zunächst eine Reihe weißer Bilder, die der Entdeckung des mediterranen Lichts in Südfrankreich entsprechen, bevor er sich ganz der Farbe widmete. In lieblicher Bläue spiegelt den Einfluss seiner Reisen, die er während der Pariser Jahre unternahm. Die Zerlegung seines Bildes in farbige Einzelzellen ist von den in Italien gesehenen byzantinischen Mosaiken inspiriert, während seine besondere Hinwendung zum Weiß auf Eindrücke aus Japan zurückgeht. Als Auftakt zu den blauen Gemälden der 1960er-Jahre und einer Reihe großformatiger Werke beschließt dieses auf das Gedicht Friedrich Hölderlins In lieblicher Bläue anspielende Werk zugleich den Frankreichaufenthalt des Malers.

Joan Mitchell (1926-1992)
Das Große Tal XIV (Für einen kurzen Augenblick)[La Grande Vallée XIV (For a Little While)], 1983
Öl auf Leinwand (Triptychon)

Als Studentin am Art Institute of Chicago entdeckte Joan Mitchell die Malerei von Paul Cézanne, Édouard Manet und Pablo Picasso, deren Einfluss sich in ihrem Werk spiegelt Obwohl sie innerhalb der New York School der zweiten Generation der Abstrakten Expressionisten angehört, ist sie weder der abstrakten noch der Landschaftsmalerei verpflichtet und bevorzugt in ihrem Werk den Ausdruck von Gefühlen und persönlichen Erinnerungen. Auf der Suche nach einer gesunden Distanz zur trubeligen amerikanischen Kunstszene siedelt sie 1959 nach Frankreich um und bleibt dort bis an ihr Lebensende. 1968 zieht sie sich in die Wiege der Impressionisten nach Vétheuil zurück, wo sie ein Haus über dem Seine-Tal erwirbt und sich ganz der Malerei widmet. Das Triptychon Das Große Tal XIV gehört zu einer gleichnamigen zwischen Herbst 1983 und Sommer 1984 entstandenen Gemäldeserie und bezieht sich auf den Tod ihrer kurz zuvor verstorbenen Schwester. Mitchell möchte des „Gefühl eines Raums“ malen und spielt hier auf den mit der geliebten Schwester geteilten Raum der Kindheit an, dessen sinnliche und emotionale Erfahrungen sie in eine farbige und gestenreiche Bildsprache umsetzt.

Anish Kapoor (geb. 1954)
Ohne Titel [Sans titre], 2008
Glasfaser, Harz und Farbe

Anish Kapoor ist ein in Indien geborener britischer Bildhauer und Maler. Mit seinen geometrisch konzipierten Werken aus Farbpigmenten gelangte er zu internationalem Ansehen. In seiner Suche nach einer unendlichen poetischen Welt jenseits des Sichtbaren, die sich in unserem materiellen Raum entfalten könnte, zeigt sein Werk eine spirituelle Seite. Die hier präsentierte reflektierende und sorgältig polierte Arbeit schließt sich diesen Überlegungen an, indem der Raum buchstäblich umgestülpt wird. Die sinnliche Erfahrung eines Konkavspiegels erschüttert unsere Wahrnehmung nachhaltig und macht die Leere sichtbar. Dieser gänzlich un-narzisstische Spiegel vermittelt uns kein mimetisches Bild der Realität, sondern übersteigert die Verrenkungen und Illusionen, während sämtliche Wechselbeziehungen zwischen leer und voll, innen und außen, materiell und immateriell durchdekliniert werden. Nicht zuletzt betont der Künstler die reflektierenden Eigenschaften, indem er ein sattes Rot verwendet, das das Licht zugleich absorbiert und reflektiert.

Dan Flavin (1933-1996)
Unbetitelt (für Donna) [untitled (to Donna)] 5a, 1971
Neonröhren, bemaltes Metall

Als Vertreter des amerikanischen Minimalismus entwickelt Dan Flavin eine neue plastische Sprache: Ab 1963 wird er mit Arbeiten berühmt, in denen er ausschließlich Leuchtstoffröhren verwendet. Mit der Verwendung dieses industriellen Werkstoffes erreicht er einen neuen Grad an Schlichtheit. Seine zwischen Malerei und Skulptur oszillierenden Lichtinstallationen werden in spezifische und manchmal ungewöhnliche Räume integriert. Die für diese „situationsgebundene“ Kunst exemplarische Arbeit Unbetitelt (für Donna) 5a gehört zu einer Reihe von Werken, die in einer Ecke zwischen zwei Wänden platziert sind und so die Reflexionsflächen des Lichts verdoppeln. Die beiden Ausbreitungsrichtungen (Richtung Wand und Richtung Betrachter) flachen auf der einen Seite das Volumen zwischen den Wänden ab und schaffen auf der anderen Seite eine neue Raumwahrnehmung. Seit seinen Anfängen pflegt Flavin seine Werke Dichtern, Künstlern oder anderen Personen, die hinter den Kulissen der Kunstwelt arbeiten, zu widmen. Donna, auf die dieses Werk anspielt, soll eine junge Frau gewesen sein, die zum Entstehungszeitpunkt der Installation in seiner New Yorker Galerie arbeitete. „5a“ bezeichnet den Platz dieser Arbeit innerhalb der übergeordneten Reihe.

Robert Irwin (geb. 1928)
Ohne Titel [Sans titre], 1967-1968
Acrylfarbe auf Plexiglasscheibe, 4 Lampen

Nach seinen Dot Paintings, einer Gemäldereihe mit gebogenen Rändern, hinterfragt Robert Irwin, warum sich die Malerei notwendig in den Grenzen eines Rahmens bewegt. Die Werkserie Discs, zu der die hier gezeigte Arbeit gehört, spielt mit dem Illusionspotenzial eines konvexen Plexiglaskreises vor der Ausstellungswand. Robert Irwin gelingt es, erneut die vier Ecken seines „Gemäldes“ zu verwischen, das aus der Mitte heraus zu leuchten scheint und eine helle Rosette mit verschwommenen Umrissen bildet. Der in eine unerwartete Sinneserfahrung gezogene Betrachter kann weder bestimmen, ob die runde Ursprungsform konkav, konvex oder flach ist, noch in welcher Entfernung sie sich befindet. Dieses flüchtige Werk, das hauptsächlich aus Licht besteht, entspricht den Forderungen der kalifornischen Light-and-Space-Kunst, die in den späten 1960er-Jahren aufkam und nach einer Entmaterialisierung des Kunstwerks strebt. Die Reihe Discs (1966-69) ist die letzte malerische Erfahrung des Künstlers, der sich in der Folge mit perzeptiven Environments und mit situationsgebundenen Installationen (site-specific installations) befasst.

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