Japanorama. Zeitgenössisches Schaffen aus neuer Sicht

AusstellungenJapanorama. Zeitgenössisches Schaffen aus neuer Sicht

Vom 20. Oktober 2017 to 5. März 2018

Wo?: Galerie 2 , Galerie 3
Was?: Ausstellungen
Publikum: Alle Altersklassen

Mit der kulturellen Revolution im Japan der 1970er-Jahre geriet der Inselstaat in ein Spannungsfeld zwischen seinem mächtigen Kulturerbe einerseits und dem immer lauter werdenden Modernisierungsdiskurs im eigenen Land, und Phasen der Öffnung und des Rückzugs wechselten sich ab. Die Auswirkungen des Wandels wurden auf gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Ebene spürbar. Die Ausstellungskuratorin Yuko Hasegawa nimmt vor allem jene Jahre in den Blick, in denen Japan zwischen Globalisierung und Behauptung seiner Identität hin- und hergerissen wurde.

Die Expo ‘70 und die 10. Biennale von Tokio markierten 1970 den Anfang einer Übergangsphase, in der die bildende Kunst in Japan sich von den seit Ende des Zweiten Weltkrieges prägenden Einflüssen aus dem Westen befreite. Die ästhetischen Strategien, die die japanischen Künstler seinerzeit entwickelten, sind im Wesentlichen zwei Strömungen zuzuordnen: Während die Bewegung Mono-ha materialistische Positionen vertrat, versammelten sich die konzeptuellen Künstler in der Bewegung Nippon-Gainen-ha.

In den 1980er-Jahren entwickelte sich die kulturelle japanische Identität in Richtung eines postmodernen Futurismus, der seine Wurzeln in der Region Tokio hatte und auch die internationale Kunstlandschaft befruchtete. Im Hyperkonsum, der mit der spekulativen Wirtschaft jenes Jahrzehnts einherging, wurden Mainstream, Popkultur und Akademismus eins. Mit dem Wegfall dieser Hierarchien bildete sich ein Mix, der die Stücke des YMO (Yellow Magic Orchestra) ebenso prägen sollte wie die Entwürfe von Rei Kawakubo, der Gründerin der Modemarke Comme des Garçons. Seinerzeit veränderte sich die westliche Wahrnehmung der japanischen Kreativen maßgeblich, und man löste sich zunehmend von der Vorstellung einer rein materiellen und emotionalen japanischen Kunst.

Nachdem die japanische Kultur in den 1980er-Jahre die Subjektivität ins Zentrum der gesellschaftlichen Debatte gerückt hatte, markierten die 1990er-Jahre eine Hochphase der sogenannten „Superflat“-Kultur, in der Pop-Art-Elemente und die Niedlichkeitsästhetik der durch Mangas und Animes inspirierten Kawaii-Kultur zusammenfanden. Eine aufstrebende Künstlergeneration strebte nach Realismus und verweigerte sich auf ganzer Linie dem Symbolismus. Als « Neo-Pop » gelten Arbeiten von Künstlern wie Takashi Murakami oder Yoshitomo Nara, die sich der Bildsprache von Popkultur, Manga und Spektakel bedienen, um die Ängste sichtbar zu machen, die die Gesellschaft seit dem Ende der Bubble Economy der 80er bewegen. Ihre Bilder sind nicht nur von erkennbar didaktischem Charakter, sondern lösen darüber hinaus einen kritischen Diskurs über das gesellschaftspolitische und ökologische Modell Japans aus. Das große Erdbeben von 1995 und der Giftgasanschlag der Aum-Sekte in der Tokioter U-Bahn im selben Jahr markieren das Ende des seit 1945 herrschenden Gleichgewichts und lassen den Glauben an eine stabile gesellschaftliche und politische Ordnung zerplatzen. Die japanische Gesellschaft zieht sich einmal mehr auf sich selbst zurück, während mit den aufkommenden Kommunikationstechnologien neue, auf einem vertrauensvollen Umgang basierende Formen menschlichen Miteinanders möglich werden. Charakteristisch für die japanische Kunst der 1990er-Jahre ist außerdem eine intimistische, volkstümliche, im häuslichen Umfeld verwurzelte Tendenz, und Spontaneität und Improvisation halten Einzug in die japanische Kultur.

In der japanischen Gesellschaft der 2000er-Jahren verwischen die Grenzen zwischen Öffentlichem und Privatem zunehmend. Dies wird auch in der Kunst spürbar. Mit dem Tsunami und der Reaktorkatastrophe von Fukushima am 11. März 2011 beginnt ein neues Kapitel der japanischen Geschichte. In Künstlerkreisen erwacht ein gesellschaftliches Engagement, und Solidarität erhält einen ganz neuen Stellenwert.

Die Ausstellung zeichnet diese kulturelle Odyssee anhand der Metapher des Archipels nach, die sich in der Szenografie von SANAA (Pritzker-Preis 2010) verwirklicht. Jede Insel steht für einen zentralen Begriff in der Geschichte des zeitgenössischen kreativen Schaffens in Japan, so etwa « post-human », « Kollektiv » und « Subjektivität ».
Bei der Mehrzahl der Werke handelt es sich um Leihgaben japanischer Institutionen, die erstmals in Europa präsentiert werden. Parallel zur Ausstellung lädt Emmanuelle de Montgazon als intime Kennerin der japanischen Kunstszene regelmäßig zu Begegnungen mit japanischen Kreativen ein. Während der Japan-Saison im Centre Pompidou-Metz haben die Besucher damit Gelegenheit, herausragende Persönlichkeiten aus den Bereichen Tanz, Musik, Theater und Mode wie Saburo Teshigawara oder Yasumasa Morimura kennenzulernen.

Kuratorin:
Yuko Hasegawa, künstlerische Leiterin des Museums für Gegenwartskunst in Tokio