Eine kurze Geschichte der Linien

AusstellungenEine kurze Geschichte der Linien

Vom 11. Januar bis 1. April 2013

Wo?: Galerie 1
Was?: Ausstellungen
Publikum: Alle Altersklassen

Die Ausstellung Eine kurze Geschichte der Linie bietet eine ganz und gar ungewöhnliche Sicht auf die Praxis der Zeichenkunst von 1925 bis heute. Sie löst sich vom engen Begriff der Zeichnung, um auszuloten, wie und wo Linien sich in unseren Alltag und unsere Umwelt einschreiben. Ob dauerhaft oder flüchtig, real oder metaphorisch – sie sind allgegenwärtig: im Akt des Schreibens, als Spuren in der Landschaft oder Nachklang unserer Gesten und Wege.

Die Ausstellung ist frei inspiriert durch das gleichnamige Werk des Anthropologen Tim Ingold, der von der Annahme ausgeht, dass das „Studium des Menschen und der Dinge ein Studium der Linien ist, aus denen sie gemacht sind“. Tätigkeiten wie Gehen, Schreiben oder Weben sind, so Ingold, Bestandteile einer „Linienfabrik“.

Die Ausstellung spinnt diesen Faden weiter, spürt der gezeichneten oder gedachten Linie nach und bewegt sich dabei auf der Ebene von Blatt, Mauer, Körper oder Landschaft. Ausgehend von diesem anthropomorphen Verständnis des Begriffes der Zeichnung wird eine spirituelle, poetische Beziehung zwischen Linie und Welt offenbar.

Basis der Ausstellung sind die Sammlungen des Centre Pompidou, Musée national d’art moderne. Den Schwerpunkt bilden dabei Werke aus der Grafiksammlung, die ergänzt werden durch Leihgaben aus den Sammlungen für Fotografie, bildende Kunst, Architektur, Film und Neue Medien sowie der Bibliothèque Kandinsky (Kandinsky- Bibliothek).

Kuratoren:
Hélène Guenin, Leiterin des Programmbereichs im Centre Pompidou-Metz
Christian Briend, Konservator am Centre Pompidou, Musée national d’art moderne, Cabinet d’art graphique

I - Eine Typologie der Linie

Die Linie ist ein grundlegendes Element künstlerischen Schaffens, mit dessen Typologisierung sich die Kunst schon vielfach beschäftigt hat. Die Lehrer des Bauhauses etwa unternahmen in den 1920er-Jahren eine Kategorisierung nach objektiven Kriterien. Jede Linie, ob gerade und ganz den strengen Regeln der Geometrie gehorchend oder aus freier Hand gezeichnet und der Fantasie entsprungen, hat ein enormes Ausdruckspotenzial. Während in der geometrischen Formensprache von Minimal Art und Konzeptkunst die gerade Linie fester Bestandteil des künstlerischen Vokabulars ist, begreifen insbesondere von fernöstlichen Denkschulen geprägte Vertreter der gestischen Malerei ihren spontanen Verlauf nachgerade als Seismografen des Körpers. Die Linie ist, ganz gleich, ob schnurgerade oder verschlungen, isoliert oder verknäult, in ihren verschiedenen Erscheinungs-formen nicht vom Verfahren ihrer Herstellung zu trennen.

II - „Das Gehverhalten“

Als „Gehverhalten“ beschreibt der Philosoph und Historiker Michel de Certeau in seinem Werk Kunst des Handelns (1980) den Akt des Gehens samt der Einflüsse - Informationen, Ereignisse, Begegnungen -, die auf ihn wirken. Certeaus Begriff bildet den Einstieg zu dieser Ausstellungssektion, in der die Linie als Resultat eins wird mit der Bewegung, aus der sie entsteht. Die Linie wandert über Zeichenblatt oder Filmrolle und hinterlässt dabei ihre Spur. Sie ist gleichzeitig Weg und Prozess und lässt in ihrem Verlauf gleichsam Schritt für Schritt eine Zeichnung entstehen: So kommt das Voranschreiten der Linie, das ununterbrochene Hin und Her der Hand, aus dem das Motiv erwächst, das Schleifen und Windungen skizziert, denen man mit dem Auge folgt, oder Spuren voneinander trennt und wieder vereint, einer Wanderung gleich, bei der der Reisende und seine Spur ein und dieselbe Sache sind.

III - „Kartografische Zeichnungen und Wissenspraktiken“

Wie mittelalterliche Karten, auf denen Wegstrecken mit Angaben zu besonderen Gegebenheiten entlang des Weges und Anzahl und Dauer der Etappen verzeichnet wurden, sind die Werke dieses Ausstellungsabschnittes „Beschreiber von Routen“(Michel de Certeau). Anders als auf abstrakten, konventionellen Karten sind auf diesen kartografischen Skizzen Handlungen verzeichnet, die aus einer Erfahrung oder Wegstrecke hervorgegangen sind. Sie sind aus der Fortbewegung entstanden, resultieren aus der Erfassung von Strömen oder Richtungen. Die gezeichneten Spuren sind die veränderlichen Linien einer beweglichen, subjektiven Geografie, illustrierte Geschichten, die ein bewohntes Territorium erstehen lassen. Dieses Spiel der Linien „verwischt dabei die entzifferbaren Oberflächen und schafft in der durchgeplanten Stadt eine‚ metaphorische’ oder entstellte Stadt […]“. Die Werke dieser Ausstellungssektion sind ganz unterschiedlich motiviert – mal poetisch, mal politisch, aber auch wissenschaftlich oder subversiv.

IV - Raum / Vermessung

Wörtlich bedeutet Geometrie „Landvermessung“ und ist damit auf ein Territorium angewandte Mathematik: Dabei dient die Linie – als kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten – der Vermessung, Umgrenzung, Besetzung und letztlich Aneignung eines Territoriums. Die in dieser Ausstellungssektion vertretenen Künstler streben auf ganz unterschiedliche Weise danach, einen Raum mittels Zeichenstift, vorgefundenen Materialien oder ihren eigenen Bewegungen zu umgrenzen oder zu gestalten, ohne sich seiner zu bemächtigen. Die Definition des Raumes – etwa einer Seite, der Natur oder des Ateliers – erfolgt so nicht durch fixe Grenzen, sondern allein durch ihren Körper, ihre Wege und Bewegungen, und der Körper wird zur Bezugsgröße für die Vermessung der Umwelt. So machen diese Werke den relativen Charakter von Normen sichtbar und offenbaren wissenschaftlich-poetische Alternativen zum metrischen System.



V - Fantomlinien

In diesem Ausstellungsabschnitt geht es um die in der Natur allgegenwärtigen Linien, ob im sanften Schwung eines Astes oder in den scharfen Konturen einer durch Erosion gezeichneten Landschaft, ob in einer vom Wind geformten Düne oder den Spuren, die der Mensch auf der Erde hinterlässt. Dieser Aspekt der natürlichen Umwelt hat bereits zahlreiche Künstler – von der École de Paris bis zur Minimal Art – beschäftigt. Ergebnis waren radikale Vereinfachungen der Landschaft bis zur völligen Abstraktion. In den Werken sind Wasserläufe, Schluchten, geologische Phänomene oder die gewundenen Konturen einer Hügellandschaft reduziert auf ihre wesentlichen Merkmale oder ihren lebendigen Fluss. In den 1960er-Jahren begannen die Künstler, ihre Ateliers verlassen, um in und mit der Natur zu arbeiten und neue Formen zu finden. Die einen weben Linien in die Landschaft, dokumentieren mit Fotografien die unsichtbaren oder reversiblen Spuren ihrer einsamen Wanderungen, während andere schöpferisch in die Natur eingreifen und deren Linien weitere vergängliche Linien zufügen.

VI - Schriften

Jede Schrift, ob von Hand zu Papier gebracht oder gedruckt, besteht gänzlich aus – mal feinen, mal breiteren – Linien und bringt, zu einem Text zusammengefügt, wieder neue Linien hervor, die die Seite Stück um Stück erobern. Für die in diesem Ausstellungsbereich vertretenen Künstler sind diese beiden Dimensionen von Schrift fruchtbarer Quell der Inspiration. Buchstaben und Ziffern, bisweilen kaum oder gar nicht lesbar, bemächtigen sich des Blattes, der Leinwand oder auch der Mauer, verlieren ihre originäre Funktion als Bedeutungsträger und entfalten ihr ästhetisches Potenzial als rein visuelle Sprache. Neben Werken, in denen Fantasiesprachen zum Leben erwachen, sind solche zu sehen, in denen an die Stelle der Buchstaben abstrakte Zeichen treten oder gar winzige, endlos wiederholte Motive, während die klassische Ordnung von Text oder Notenschrift erhalten bleibt.

VII - Lebenslinien

Ebenso wie die Pflanzen mit ihren Blattadern und Zellstrukturen besteht der menschliche Körper aus einer Vielzahl von Linien. Man denke etwa an sein komplexes Gefäßsystem aus Venen und Arterien, das an der Innenfläche der Hand deutlich zutage tritt und diese regelrecht zu einer „Landkarte der Existenz“ macht, an deren Deutung die Handlesekunst sich von jeher versucht. Dieser letzte Ausstellungsabschnitt ist ein Spiel mit den Beziehungen und Parallelen zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos, das sich auch in den Formaten diverser Werke widerspiegelt, die mal einen Teil des Körpers in unverhältnismäßiger Vergrößerung zeigen, mal verkleinertes Schaubild des Individuums sind. Und sollte die Lebenslinie in unserer Hand tatsächlich Auskunft über die Dauer unseres irdischen Daseins geben, hängt unsere ungewisse Existenz am Ende nicht nur sprichwörtlich am seidenen Faden.