Der Blick von oben

AusstellungenDer Blick von oben

Vom 17. Mai bis 7. Oktober 2013

Wo?: Galerie 1 , Grande Nef
Was?: Ausstellungen
Publikum: Alle Altersklassen

Die Ausstellung widmet sich der Frage, wie der Blick aus der Luft – von den ersten Ballonaufnahmen bis zu heutigen Satellitenfotos – die Wahrnehmung der Künstler verändert hat.

Auf mehr als 2000 m² erwacht im Centre Pompidou-Metz der Traum des Ikarus zum Leben. Im Wechselspiel der rund 500 Werken – Gemälden, Fotografien, Zeichnungen, Filmen, Architekturmodellen, Installationen, Büchern und Zeitschriften – ergibt sich ein neuartiges und spektakuläres Panorama über die moderne und zeitgenössische Kunst.

Seit einigen Jahren erfährt die Sicht aus der Höhe eine Renaissance. Neben den Publikumserfolgen des französischen Fotografen Yann Arthus-Bertrand ist hier vor allem die Popularität von Google Earth zu nennen. Die Vogelperspektive zieht die Menschen in ihren Bann – sowohl durch die Schönheit der Landschaften, die sie offenbart, als auch durch das Gefühl der Allmacht, das sie in uns weckt.

Die Ausstellung Der Blick von oben nimmt diese Aktualität zum Anlass, die Geschichte der Luftbildfotografie von ihren Ursprüngen an nachzuzeichnen und ihren Einfluss auf das künstlerische Schaffen und somit auch auf die Kunstgeschichte auszuloten.

Mit den ersten Ballonfotografien von Nadar in den 1860er-Jahren hebt der Blick gleichsam ab. Plötzlich ist man nicht mehr auf Augenhöhe mit der Welt, sondern erlebt sie fliegend aus der Höhe. Damit gerät das anthropozentrische Perspektivmodell der Renaissance ins Wanken. Der Körper, nun in frei schwebender Bewegung, ist nicht mehr der Fixpunkt, der die Wahrnehmung des Raumes bestimmt. Der Blick von oben verwischt das Oberflächenrelief, lässt Berg und Tal verschwimmen. Die Erde wandelt sich zunehmend zu einer ebenen Fläche, auf der vertraute Bezugspunkte kaum mehr zu identifizieren sind.

Von nun an beschäftigen sich bildende Künstler, Fotografen, Architekten und Filmemacher sich mit den ästhetischen und semantischen Implikationen dieses Perspektivwechsels. Und diese faszinierende Auseinandersetzung ist – zum ersten Mal – Gegenstand einer großen multimedialen Ausstellung.

Die acht thematischen Sektionen der Ausstellung, die überschrieben sind mit den Begriffen Umschwung, Planimetrie, Ausdehnung, Verfremdung, Dominanz, Topografie, Urbanisierung und Überwachung, beleuchten das Sujet in chronologischer Abfolge, beginnend im „modernen“ 19. Jahrhundert und weiterführend über die wichtigen Einschnitte der beiden Weltkriege bis in die Gegenwart. Die eigens konzipierte Ausstellungsarchitektur macht den Besuch zu einer Reise durch Zeit und Raum: Der Blick steigt mehr und mehr, erhebt sich vom Balkon über Ballon und Flugzeug bis zum Satelliten.

Chefkuratorin
Angela Lampe, Kuratorin am Centre Pompidou, Musée national d’art moderne

Co-Kuratorin
Alexandra Müller, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Centre Pompidou-Metz

Co-Kurator zeitgenössische Kunst
Alexandre Quoi, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Centre Pompidou-Metz

Co-Kuratorin Bereich Film
Teresa Castro, Dozentin, Universität Paris III

Co-Kurator Bereich Fotografie
Thierry Gervais, assistant professor, Ryerson University, Toronto

Co-Kurator Bereich Architektur
Aurélien Lemonier, Kurator am Centre Pompidou, Musée national d’art moderne

Die in zwei Teilen organisierte Ausstellung beginnt in der Grande Nef des Centre Pompidou-Metz mit Werken aus den Jahren 1850–1945. Weiter geht es oben in Galerie 1, wo von 1945 bis heute entstandene Arbeiten zu sehen sind. Einzelne zeitgenössische Werke setzen in den historischen Ausstellungsabschnitten kontrapunktische Zeichen.

GRANDE NEF

UMSCHWUNG
Mit den ersten Ballonfotografien — von Nadar 1858–1868 in Paris und James Wallace Black 1860 in Boston aufgenommen — beginnt die Umkehrung der aus der Renaissance stammenden Zentralperspektive. Aus der Höhe bietet sich ein Panoramablick auf eine verflachte Welt. So schrieb Nadar: „Die Erde entrollt sich wie ein riesiger Teppich ohne Rand, hat weder Anfang noch Ende.“ Mit dem Aufblühen der illustrierten Presse und dem Beginn des Films werden die spektakulären Bilder aus der Vogelsicht populär und finden ihren Widerhall im Werk der Impressionisten, die für ihre Stadtansichten zusehends steilere Blickwinkel wählen. Kubistische Künstler wie Picasso, Braque, Léger und Delaunay sind fasziniert von der Eroberung des Himmels durch die Luftfahrt. Sie reagieren auf den technischen Fortschritt mit einer malerischen Revolution: der Dekonstruktion des traditionellen dreidimensionalen Raumkonzepts.

PLANIMETRIE
Im Ersten Weltkrieg finden die in vertikaler Aufsicht aufgenommenen Luftbilder der Schützengräben, aber auch Filmaufnahmen und Karten aus dem militärischen Bereich eine weite Verbreitung. Mit ihrem beinahe zeichnerischen Charakter und dem Fehlen vom Horizont und eindeutigen Größenverhältnissen liefern sie den Künstlern der Avantgarde, die nach einer Kunst jenseits der illusionistischen Nachahmung streben, ein faszinierendes Bildvokabular. Ihr Aufkommen geht einher mit dem Durchbruch der malerischen Abstraktion sowohl in England, wo sie vor allem im Werk des Vortizisten Edward Wadsworth präsent ist, als auch in Russland, wo Kasimir Malewitsch 1915 den Suprematismus erfindet. 1925 siedelt das Bauhaus nach Dessau über, der Heimat des Flugzeugbauers Junkers. Mit diesem Ortswechsel beginnt die berühmte Kunstschule, sich insbesondere unter dem Einfluss des Ungarn László Moholy-Nagy modernen Techniken zu öffnen.

Plan der Grande NefAUSDEHNUNG
Vom Flugzeug aus vergrößert sich das Blickfeld, man taucht gleichsam ein in einen multi-perspektivischen, erweiterten Raum und erlebt das, was László Moholy- Nagy eine umfassendere, „neue Raumerfahrung“ nannte. Wie sein ungarischer Landsmann Andor Weininger sucht er die aus dieser Gleichzeitigkeit resultierenden Eindrücke in innovativen Bühnenkonstruktionen zu reproduzieren. Der Künstler Herbert Bayer bringt sie in einer vollkommen neuartigen Ausstellungsdesign zum Ausdruck, für die er den Raum vom Boden bis zur Decke als Präsentationsfläche benutzt. Die Abkehr von der Zentralperspektive inspiriert die Mitglieder der Gruppe De Stijl unter der Federführung von Theo van Doesburg zu einem expansiven Architekturkonzept, das auf axonometrischen Darstellungsverfahren basiert.

VERFREMDUNG
Mitte der 1920er-Jahre begründete László Moholy- Nagy einen neuen Ästhetikbegriff, der die moderne Fotografie in ganz Europa prägen sollte. Das wesentliche Merkmal dieses Neuen Sehens, für das außergewöhnliche Blickwinkel wie etwa die extreme Aufsicht charakteristisch sind, besteht in einer gesteigerten Komplexität der Wahrnehmung. Von oben betrachtet, ist die Welt kaum mehr wiederzuerkennen, Größenverhältnisse verschwimmen und damit Nah und Fern. Die Erde erscheint uns fremd. Damit wird der Akt des Sehens zum konstruktiven Prozess: Die Distanz sorgt für einen Verfremdungseffekt, der den Betrachter im Sinne der Brechtschen Theorie sein eigenes Potenzial zur Umkehrung der Verhältnisse erkennen lässt. Ganz im Einklang mit der Dynamik und Schwerelosigkeit des modernen Lebens zeigen die Fotografien vielfach Aufsichten auf urbane Motive wie Brücken, Plätze und Schienenstränge, denen die Künstler häufig ganz bewusst eine unwirkliche, fantastische Anmutung verleihen.

DOMINANZ
Der erhebende, gar berauschende Blick von oben löst Machtgefühle aus. Wie kein anderer passt er zum Phänomen der Masseninszenierung, für die Siegfried Kracauer 1927 den Begriff des „Ornaments der Masse“ prägte und dabei ausdrücklich einen Bezug zum Luftbild herstellte. Mit dem Aufstieg der totalitären Systeme wird die „Herrscherperspektive“ sowohl bei den futuristischen Künstler der Aeropittura wie in den Propagandafilmen der Nationalsozialisten ein prägendes Stilmittel. Auch Le Corbusier lässt dieser Aspekt der Luftbilder nicht unberührt: Für seine Stadtplanungsprojekte in Rio de Janeiro und Algier sieht er eine radikale Umgestaltung des bestehenden Territoriums vor. In den USA gerät die Flugbildfotografie — insbesondere die Aufnahmen von Margaret Bourke-White — in neuen Magazinen wie der 1936 gegründeten Zeitschrift LIFE zu einem wichtigen Propagandainstrument, um die amerikanische Überlegenheit wirkungsvoll in Szene zu setzen.


GALERIE 1

Plan der Galerie 1TOPOGRAFIE
Mit dem Aufstreben der zivilen Luftfahrt in der Nachkriegszeit inspiriert der Blick aus dem Flugzeug insbesondere US-amerikanische Künstler. In der Folge von Jackson Pollocks revolutionären Drippings entwickelt sich die Kartografie zu einem neuen ästhetischen Modell für die abstrakte Malerei der 1950er- und 1960er-Jahre. Die Luftbildarchäologie, die es seit den 1920er-Jahren ermöglicht, dem bloßen Auge verborgene Geländestrukturen sichtbar zu machen, wird für die Land-Art-Künstler zu einer wichtigen Referenz. Ende der 1960er-Jahre beginnen sie, den Bereich der Kunst auf den topografischen Raum auszuweiten. Erfahrbar werden die monumentalen, häufig ephemeren Interventionen durch eine Dokumentation, für die sich wiederum das Luftbild bevorzugt anbietet. Auch Architekten und Stadtplanern wie Frei Otto und Michel Desvigne bietet es Möglichkeiten, die großräumige Verankerung ihrer Arbeiten in der Landschaft sichtbar zu machen.

URBANISIERUNG
Während die urbanen Darstellungen der Vorkriegszeit von der Dynamik des vertikalen Stadtbilds bestimmt waren, wird das Wuchern städtischen Gewebes, das sich, wie im Falle von Los Angeles, in einem abstrakten Netz von menschenleeren Verkehrsströmen auflöst, Ende der 1960er-Jahre zum Sujet für Künstler wie Ed Ruscha. Ihre Werke untergraben die ästhetischen Codes der — ebenso erhabenen wie fiktionalen — Gesamtdarstellungen moderner Metropolen, um eine kritischere Lesart dieser Annäherung aus der Luft anzuregen. Weiterhin bleibt der Blick von oben bevorzugtes Medium, um die negativen Auswüchse städtebaulicher Modernisierung und das Scheitern kollektiver Utopien anzuprangern. Phänomene wie die massive Betonierung von Innenstädten oder gleichförmige Wohnsiedlungen in serieller Bauweise zeugen davon.

ÜBERWACHUNG
Mit den Fortschritten in der Raumfahrttechnologie hat sich die Überwachung heute zum bedeutendsten Anwendungsbereich der Luftbildfotografie entwickelt. So greift man im militärischen Bereich regelmäßig auf den Einsatz von Drohnen und damit eine automatisierte Form entindividualisierter Gewalt zurück. Doch auch im zivilen Bereich stehen wir unter systematischer Aufsicht: Dies ist nicht nur den ständig zahlreicher werdenden Überwachungskameras im öffentlichen Raum geschuldet, sondern seit 2005 auch dem populären Kontrollinstrument Google Earth. Andererseits helfen Luftbilder, den Zustand des Planeten Erde zu beobachten und zu überprüfen. Zahlreiche zeitgenössische Fotografen suchen mit ihren Arbeiten, die öffentliche Aufmerksamkeit auf drohende Umweltgefahren zu lenken. Dabei setzen sie wie Yann Arthus-Bertrand auf die Wirkmacht der Bilder oder nutzen sie wie der Amerikaner Alex MacLean, um die den Bedrohungen zugrunde liegenden Mechanismen offenzulegen.

Daniel Buren, Écho d'échos : Vues plongeantes, Travail in situ (Aufsichten, Arbeit in situ)
Das Monumentalwerk, das Daniel Buren für das Dach der Galerie 1 des Centre Pompidou-Metz in 2011 entworfen hat, ist noch bis zum Ende der Ausstellung Der Blick von oben zu sehen.

Im Rahmen der Ausstellung hat das Centre Pompidou-Metz den Fotografen Yann Arthus-Bertrand beauftragt, einen Film über Metz und Umland aus der Vogelperspektive zu drehen, der ab Juni in der Ausstellung zu sehen sein wird. Dieses Projekt wurde von dem Gemeindeverbund Metz Métropole (Umland) finanziert.

Logo Wendel Mécène fondateur

Logo CELCA    Logo Les Amis du Centre Pompidou-Metz

Mit freundlicher Unterstützung von Air France

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Mit Unterstützung von Gares & Connexions

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Medienpartner:

Logo BFM TV  Logo Le Républicain Lorrain  Logo Radio France Culture

Weitere Partner:
Wehrbereich Metz
Institut national de l’information géographique et forestière (IGN)

Die Realisierung der Ausstellung Der Blick von oben erfolgt in Partnerschaft mit dem Établissement de communication et de production audiovisuelle de la défense (ECPAD).