Dumb Type

AusstellungenDumb Type

Vom 20. Januar bis 14. May 2018

Wo?: Galerie 1
Was?: Ausstellungen
Discipline : Installation
Publikum: Alle Altersklassen

Dumb Type ist die erste umfangreiche monografische Ausstellung des Künstlerkollektiv in Frankreich. Das Kollektiv bestand bei seiner Gründung 1984 aus rund fünfzehn Studenten des Kyoto City Art College, darunter bildende und Videokünstler, Choreografen und Performancekünstler, aber auch Architekten, Grafiker, Toningenieure und Informatiker, die sich zusammenschlossen, um eine neue, multidisziplinäre Form der Bühnenkunst zu entwickeln.

Das englische Wort dumb bedeutet « stumm » oder « dumm ». Teiji Furuhashi (1960–1995), der Initiator der Gruppe, erläuterte die Bedeutung des Namens « Dumb Type » in einem Interview: Mit der Öffnung nach Westen und der Bubble Ökonomie in den 1980er-Jahren sei die japanische Gesellschaft immer oberflächlicher geworden und habe sich ganz Medien, Konsum und Technologie verschrieben, in der jeder « mit Informationen überschüttet wird, ohne irgendetwas zu begreifen » und die Begehrlichkeiten an Verzweiflung grenzen.

Als Reaktion auf diese Zeit sowie das Pathos und die Künstlichkeit des zeitgenössischen Theaters entwickelt Dumb Type ein experimentelles Theater, in dem der Körper der Darstellenden zur Projektionsfläche für Bilder, Töne und Ausstattung wird. Die Stücke sind beherrscht von aseptischer, nüchterner, allgegenwärtiger Technologie, die den Körper prägt und den Geist fordert.

Eine erste politische Positionierung nahm Dumb Type mit der Entscheidung für die Form des Kollektivs vor. Gemeinsam arbeiten zu wollen signalisiert die Bereitschaft der Gruppe zu uneingeschränkter Interdisziplinarität, zur Abschaffung akademischer Kategorien und Hierarchien. Dieses Ansinnen lässt sich deutlich an der hybriden Natur der Projekte der Gruppe ablesen, in denen sich darstellende Künste und Multimedia-Installation verquicken. Es entsteht eine neue Form von Theater, in dem digitale Technologien omnipräsent sind. Die Gruppe ist bis in die 2000er-Jahre sehr aktiv und tritt in Museen und Theatern in Japan, Europa und den USA auf, wo einige ihrer Mitglieder zeitweise auch leben. Zentrales Thema des international präsenten Kollektivs ist der Wandel von Identitäten und Kommunikation in einer globalisierten Welt.

Bei ihren ersten Stücken verzichtete die Gruppe vollständig auf Dialoge zwischen den ausführenden Künstlern, die jedoch von Zitaten und Songtexten umgeben waren. Die neuen Medien und die digitale Revolution haben unser Verhalten, unsere Subjektivität und im weitesten Sinne unsere Menschlichkeit verändert. Und doch flackert auch in Datenströmen, Stroboskoplichtern und elektronischer Musik weiterhin eine Flamme der Empfindsamkeit. Diese existenzielle Dimension äußert sich bei Dumb Type im Rückgriff auch auf populärere und flüchtige Formen wie Karaoke, Talk-Show, Cabaret, Drag- Performance, geheime Geständnisse oder die direkte Ansprache ans Publikum.

1990 verwandelte Dumb Type die Bühne für eines seiner ersten Stücke in ein makelloses « Flachbett », und regelmäßig fuhr ein riesiger Scanner über die Darsteller hinweg. pH, der Titel des Stücks, verweist auf die « potentia Hydrogenii », die man in der Chemie verwendet, um den Säuregehalt einer Lösung zu messen. Aber die Texte, die in dem Stück zitiert werden, verweisen auch auf das « Potential Heaven/Hell » einer japanischen Gesellschaft, die in einem Zustand der Mittelmäßigkeit gefangen ist, einem schädlichen Milieu, das Furuhashi mit der Vorhölle vergleicht. In den folgenden Stücken wird diese kalte Neutralität diversen Elektroschocks unterzogen. In S/ NK lässt Furuhashi das Publikum wissen, dass er HIV-positiv ist, indem er Etiketten mit Aufschriften wie « männlich », « Japaner », « homosexuell » und « HIV+ » am Körper trägt. Gleichzeitig werden Sätze auf die Bühne projiziert, die Gegenteil dieser brutalen Klassifizierung sind: « Ich wünschte, mein Geschlecht würde verschwinden », « Ich wünschte, meine Nationalität würde verschwinden » oder « Ich wünschte, mein Blut würde verschwinden ». Videoaufnahmen entblößter Oberkörper, überlagert von Fadenkreuzen, komplettieren diese klinische Annäherung an den Körper. Wie pH verweist auch S/N auf eine wissenschaftliche Messgröße: In der Akustik dient das Signal-Rausch-Verhältnis S/N als Maß für die technische Qualität eines Signals. Das Auftauchen der CD 1982 markierte den Übergang von der analogen zur digitalen Tonaufnahme, mit der alle Hintergrundgeräusche der Vergangenheit angehörten. Für Furuhashi ist diese Ausblenden von Umgebungsgeräuschen symptomatisch für eine Gesellschaft, die alles, was sie nicht sehen oder hören will, schlicht ignoriert.

Im Rahmen der Japan-Saison präsentiert das Centre Pompidou- Metz fünf große Installationen von Dumb Type, darunter eine nie zuvor präsentierte Arbeit, die eigens für die Ausstellung produziert wurde. Bei einigen dieser Werke handelt es sich um Einzelproduktionen von drei historischen Mitgliedern des Kollektivs – Teiji Furuhashi, Ryoji Ikeda und Shiro Takatani – die neben ihrer Arbeit im Kollektiv auch auf individueller Ebene Kunst machten. Ergänzend werden Archivmaterial und Berichte von Zeitzeugen zu sehen sein, anhand deren sich Werdegang und Zusammensetzung der Gruppe vor und nach dem Tod von Teiji Furuhashi 1995 nachvollziehen lassen. Diese gleichermaßen physische wie dokumentarische Annäherung an verschiedene Werke von Dumb Type ermöglicht die Einordnung dieser bahnbrechenden Werke in den zeitgenössischen Kontext und in die Gegenwart, wo die Gesellschaft noch immer durch einen Überfluss an Information und Konsum geprägt wird.

Kuratorin:
Yuko Hasegawa, künstlerische Leiterin des Musée d’art contemporain (MOT), Tokio
Recherche- und Ausstellungsbeauftragte: Hélène Meisel